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Pflicht-Fortbildungen für Geschichtslehrkräfte: sinnvoller Impuls oder politischer Kurzschluss?

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Pflicht-Fortbildungen für Geschichtslehrkräfte: sinnvoller Impuls oder politischer Kurzschluss? Die Debatte über verpflichtende Weiterbildungen reagiert auf reale Wissenslücken und digitale Geschichtsfälschung – doch sie verfehlt das Ziel, wenn sie Strukturprobleme des Schulsystems moralisch an einzelne Lehrkräfte delegiert. Von Ralf Schönert  •  14. August 2026 Die Forderung nach Pflicht-Fortbildungen für Geschichtslehrkräfte wirkt auf den ersten Blick plausibel. Wo historische Unkenntnis wächst, antisemitische Verzerrungen zirkulieren und soziale Medien Geschichte in Sekunden deformieren, liegt der Ruf nach mehr Professionalisierung nahe. Entscheidend ist jedoch die politische Pointe dieser Debatte: Nicht ob Fortbildung nötig ist, sondern ob ein zusätzlicher Zwang ohne bessere Rahmenbedingungen das Problem tatsächlich löst. Ausgelöst wurde die jüngere Debatte vor allem durch den Historikerverband. Dessen Vorsitzender ...

aus der Geschichte: 13. August 1961 - Bau der Berliner Mauer – Ursachen, Ablauf und Folgen

In den frühen Morgenstunden des 13. August 1961 wurde Berlin schlagartig zu einer geteilten Stadt. Mitten in der Nacht begann die DDR, die Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin zu schließen – ein Wendepunkt in der Geschichte Europas. Wo gestern noch Menschen frei zwischen beiden Teilen der Stadt pendelten, standen plötzlich Stacheldraht und bewaffnete Soldaten. Der Bau der Berliner Mauer hatte begonnen – und mit ihr ein neues Kapitel des Kalten Krieges. Wie es dazu kam Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Berlin aufgeteilt – vier Sektoren, kontrolliert von den USA, Großbritannien, Frankreich und der Sowjetunion. Mit der Gründung der DDR 1949 verlor die Osthälfte Berlins zunehmend Menschen an den Westen. Zwischen 1949 und 1961 flohen rund 2,7 Millionen Menschen in die Bundesrepublik – darunter viele junge, gut ausgebildete Fachkräfte. Für die DDR war das ein ernsthaftes Problem: Wirtschaftlich schwächte es das Land, politisch untergrub es das Vertrauen in das System. Die Ents...

Mordraten weltweit: Wie sicher ist Deutschland wirklich?

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Mordraten weltweit: Wie sicher ist Deutschland wirklich? Internationale Vergleichsdaten zeigen ein Land mit niedriger Tötungsrate. Die politisch wichtigere Frage lautet, warum sich Unsicherheit in Deutschland dennoch so hartnäckig festsetzt. Von Ralf Schönert  •  12. August 2026 Wer über die Sicherheit eines Landes sprechen will, sollte sich nicht von Schlagzeilen, Einzelfällen oder politischen Alarmrufen leiten lassen. Im internationalen Vergleich steht Deutschland bei vorsätzlichen Tötungen weiterhin relativ niedrig. Das entlastet die Politik nicht, zwingt sie aber zu einem nüchternen Blick: Das Problem ist weniger eine explodierende Mordrate als die wachsende Kluft zwischen statistischer Lage und öffentlicher Wahrnehmung. Schon der Begriff führt leicht in die Irre. Im politischen Alltag ist oft von der „Mordrate“ die Rede, statistisch belastbarer ist jedoch die Zahl vorsätzlicher Tötungen pro 100.000 Einwohner. Diese...

Die Skandale des Alexander Dobrindt

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Vom gescheiterten Mautprojekt bis zur umstrittenen Grenzpolitik: Was die Kontroversen über Dobrindts Verständnis von Macht, Recht und politischer Sprache verraten. Von Ralf Schönert  •  1. August 2026 Kurzthese: Alexander Dobrindts Laufbahn ist weniger von einem persönlichen Korruptionsskandal als von einer Serie politischer Grenzüberschreitungen geprägt: rechtlich riskante Prestigeprojekte, kalkulierte Sprachverschärfung und Konflikte mit gerichtlicher Kontrolle. Warum das wichtig ist: An Dobrindts Aufstieg zeigt sich, wie politische Zuspitzung zur dauerhaften Machtstrategie werden kann. Lesedauer: etwa 6 Minuten Themen: Alexander Dobrindt, CSU, Pkw-Maut, Migration, Rechtsstaat Alexander Dobrindt versteht es wie nur wenige Politiker, sachpolitische Fragen in symbolische Machtkämpfe zu verwandeln. Seine Kontroversen sind deshalb keine zufällige Sammlung misslungener Auftritte. Sie folgen einem erkennbaren Muster: E...

Krankschreibung ab Tag eins: Was wirklich geplant ist

ARBEIT / GESUNDHEIT / POLITIK Die Koalition will die Attestpflicht verschärfen und die Telefon-AU abschaffen. Noch gelten jedoch die bisherigen Regeln – und „Attest ab Tag eins“ bedeutet nicht automatisch „Praxisbesuch am ersten Tag“. Von Ralf Schönert  •  23. Juli 2026 Kurzthese: Die geplante Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag bedeutet nicht automatisch einen Praxisbesuch. Das Ende der Telefon-AU würde dennoch eine einfache und ärztlich kontrollierte Versorgung beseitigen. Warum das wichtig ist: Die Reform betrifft Beschäftigte, Betriebe und bereits stark beanspruchte Arztpraxen. Lesedauer: etwa 3 Minuten Themen: Arbeitsunfähigkeit, Telefon-AU, Arbeitsrecht, Gesundheitspolitik Union und SPD wollen die Regeln für Krankschreibungen deutlich verändern. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung soll grundsätzlich ab dem ersten Krankheitstag erforderlich sein, während die telefonische Krankschreibung entfallen soll. Hinter der scheinbar einfachen Regel...

Das „C“ als politische Variable

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Das „C“ als politische Variable Warum das christliche Selbstverständnis in der politischen Debatte selektiv aktiviert wird – und was das über den Zustand konservativer Politik aussagt. Von Ralf Schönert  •  12. Juli 2026 In der aktuellen Debatte um den Schwangerschaftsabbruch wird das „C“ im Parteinamen von CDU und CSU wieder sichtbar. Doch der selektive Rückgriff auf christliche Werte wirft eine grundsätzliche Frage auf: Handelt es sich um einen normativen Kompass oder um ein politisches Instrument, das je nach Thema unterschiedlich stark eingesetzt wird? Politische Parteien greifen seit jeher auf normative Bezugspunkte zurück, um ihre Positionen zu legitimieren. Im Fall der Union ist das „C“ historisch eng mit dem Anspruch verbunden, Politik aus einem christlich geprägten Menschenbild heraus zu gestalten. Dieses Selbstverständnis spielte insbesondere in der Nachkriegszeit eine prägende Rolle, als die christliche Sozi...

50 Jahre Gladbeck im Kreis Recklinghausen – ein Jubiläum mit Vorbehalt

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT 50 Jahre Gladbeck im Kreis Recklinghausen – ein Jubiläum mit Vorbehalt Das Datum erinnert an eine konfliktreiche Korrektur der Gebietsreform – und wirft die Frage auf, ob daraus ein Freudenfest oder eher ein Anlass zur politischen Selbstvergewisserung werden sollte. Von Ralf Schönert  •  1. Juli 2026 Das Jubiläum ist real, aber es ist kein natürlicher Festtag. Dass Gladbeck seit 1976 zum Kreis Recklinghausen gehört, ist das Ergebnis einer konfliktreichen Korrektur der kommunalen Neugliederung in Nordrhein-Westfalen. Wer daraus im Jahr 2026 eine Feier ableitet, sollte deshalb weniger Verwaltungsselbstzufriedenheit pflegen als historische Nüchternheit und politische Erinnerungskultur. Wenige Wochen nach dem eigentlichen Jahrestag lässt sich zunächst nur dies nüchtern festhalten: Seit dem 1. Juli 1976 gehört Gladbeck als selbständige Stadt zum Kreis Recklinghausen. Vorausgegangen waren die erzwungene Zusammenlegung mit Bot...

Der „Stolzmonat“ ist keine Debatte, sondern eine rechte Gegenmobilisierung

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Der „Stolzmonat“ ist keine Debatte, sondern eine rechte Gegenmobilisierung Was als vermeintlich harmloser Gegenbegriff zum Pride Month auftritt, ist politisch vor allem ein Versuch, queere Sichtbarkeit zu delegitimieren und nationalistisch umzudeuten. Von Ralf Schönert  •  1. Juli 2026 Der „Stolzmonat“ erscheint auf den ersten Blick wie eine provokante Wortspielerei. Bei näherem Hinsehen zeigt sich jedoch ein anderes Muster: Nicht kulturelle Selbstvergewisserung, sondern die politische Abwertung queerer Emanzipation ist sein eigentlicher Kern. Gerade deshalb sollte man die Kampagne weder verharmlosen noch mit normalem Meinungsaustausch verwechseln. Der Pride Month erinnert historisch an die Stonewall-Unruhen von 1969 und damit an einen Widerstand gegen staatliche Schikane, gesellschaftliche Erniedrigung und rechtliche Diskriminierung. Sein politischer Sinn liegt nicht im Feiergestus allein, sondern in Sichtbarkeit, Sch...

Der Klugscheisser - Fiskalföderalismus oder wie sich Bund und Länder die Finanzen teilen

Wer in Deutschland Steuern zahlt, finanziert nicht nur den Staat, sondern gleich mehrere Ebenen davon – Bund, Länder und Gemeinden. Doch wer bekommt wie viel? Und wer entscheidet darüber? Diese Fragen beantwortet das Konzept des Fiskalföderalismus – das finanzielle Rückgrat des föderalen Systems. Der Begriff beschreibt die Aufteilung von Einnahmen, Ausgaben und finanziellen Kompetenzen zwischen den staatlichen Ebenen. In einem föderalen Staat wie Deutschland sollen Bund und Länder eigenständig handeln, aber gleichzeitig solidarisch füreinander einstehen. Der Fiskalföderalismus regelt also, wer welche Steuern erheben darf, wie Mittel verteilt werden und wie finanzielle Ungleichgewichte ausgeglichen werden. Das Prinzip: Eigenverantwortung und Ausgleich Jede Ebene – Bund, Länder, Kommunen – hat eigene Aufgaben und damit verbundene Einnahmen. Der Bund finanziert etwa Verteidigung, Renten und Bundesautobahnen. Die Länder tragen Verantwortung für Bildung, Polizei und Justiz. Gemeinden w...

Generationenvertrag 2.0: Was zwischen Jung und Alt neu austariert werden muss

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Generationenvertrag 2.0: Was zwischen Jung und Alt neu austariert werden muss Die eigentliche Frage lautet nicht, ob die Älteren den Jüngeren etwas wegnehmen, sondern wie ein alternder Sozialstaat Sicherheit, Leistungsgerechtigkeit und Zukunftsinvestitionen zugleich organisieren kann. Von Ralf Schönert  •  8. Juni 2026 Der Generationenvertrag war nie ein statisches Versprechen, sondern stets ein politisch geformtes Arrangement. Unter Bedingungen des demografischen Wandels reicht es deshalb nicht mehr, nur über Rentenhöhen oder Beitragssätze zu sprechen. Neu verhandelt werden muss die Balance zwischen Alterssicherung, Pflege, Bildung, Wohnen und öffentlicher Infrastruktur. Erst dort entscheidet sich, ob Solidarität zwischen den Generationen auch künftig mehr ist als eine wohlklingende Formel. Die politische Debatte neigt zur Vereinfachung. Auf der einen Seite steht die Sorge der Älteren vor sozialem Abstieg, auf der ande...

Walter Lübcke: Mutiger Demokrat und Opfer rechter Gewalt – Ein Leben für Menschenwürde und Grundgesetz

Walter Lübcke (1953 – 2019) war CDU-Politiker und seit 2009 Regierungspräsident des Regierungs­bezirks Kassel. Nach einer Banklehre, acht Jahren Wehrdienst und einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium mit Promotion leitete er Bildungs­einrichtungen, ehe er 1999 in den Hessischen Landtag einzog. Seine offene Art, sein Engagement für Demokratie und sein Plädoyer für die Aufnahme Geflüchteter prägten sein Wirken. Besonders bekannt wurde sein Auftritt 2015 in Lohfelden, als er christliche Nächstenliebe und das Grundgesetz gegen fremden­feindliche Zwischenrufe verteidigte. Die daraufhin im Netz verbreitete verkürzte Video­sequenz machte Lübcke zum Ziel einer lang­anhaltenden Hass­kampagne aus der extremen Rechten. Am Abend des 1. Juni 2019 erschoss ihn der vorbestrafte Neonazi Stephan Ernst auf der Terrasse seines Hauses in Istha. Ernst wurde am 28. Januar 2021 wegen Mordes zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt; sein Mitangeklagter Markus H. erhielt eine Bewä...

Die Grünen: CDU mit Wärmepumpe

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Über eine Partei, die früher den Betrieb stören wollte und heute sehr darauf achtet, beim Stören niemanden zu stören. Von Ralf Schönert  •  26. Mai 2026 Die Grünen waren einmal der politische Stachel im Fleisch der alten Bundesrepublik. Heute wirken sie oft wie die CDU nach einem Achtsamkeitsseminar: bürgerlich, staatstragend, etwas zerknirscht und immer bereit, Verantwortung zu übernehmen, sobald jemand das Wort „Standort“ flüstert. Es gibt politische Verwandlungen, die geschehen nicht dramatisch, sondern im Tonfall der Geschäftsordnung. Aus Protest wird Projektmanagement. Aus Systemkritik wird ein Arbeitskreis. Aus „Keine Macht für niemand“ wird: „Wir prüfen das im Koalitionsausschuss.“ Das ist traurig, aber wenigstens gut abgeheftet. In Baden-Württemberg regieren Grüne und CDU weiter zusammen, unter einem Koalitionsvertrag, der schon im Titel klingt wie ein Beruhigungstee für Mittelständler: „Aus Verantwortung fürs ...