Die Grünen waren einmal der politische Stachel im Fleisch der alten Bundesrepublik. Heute wirken sie oft wie die CDU nach einem Achtsamkeitsseminar: bürgerlich, staatstragend, etwas zerknirscht und immer bereit, Verantwortung zu übernehmen, sobald jemand das Wort „Standort“ flüstert.
Es gibt politische Verwandlungen, die geschehen nicht dramatisch, sondern im Tonfall der Geschäftsordnung. Aus Protest wird Projektmanagement. Aus Systemkritik wird ein Arbeitskreis. Aus „Keine Macht für niemand“ wird: „Wir prüfen das im Koalitionsausschuss.“ Das ist traurig, aber wenigstens gut abgeheftet.
In Baden-Württemberg regieren Grüne und CDU weiter zusammen, unter einem Koalitionsvertrag, der schon im Titel klingt wie ein Beruhigungstee für Mittelständler: „Aus Verantwortung fürs Land – Gemeinsam stark in stürmischen Zeiten“. Da möchte man nicht auf die Barrikaden, sondern spontan eine Brandschutzverordnung unterschreiben.
Der Betrieb hat die Bewegung verdaut
Natürlich gibt es Unterschiede. Die Grünen sagen „Transformation“, die CDU sagt „Wettbewerbsfähigkeit“. Die Grünen reden von Klimaneutralität, die CDU vom industriellen Kern. Am Ende sitzen alle am selben Tisch und einigen sich darauf, dass alles anders werden muss, solange es so ähnlich bleibt.
Das Problem ist nicht, dass Grüne mit Konservativen reden. Demokratie ist kein veganer Stammtisch mit Anwesenheitspflicht. Das Problem ist, dass aus Realpolitik eine politische Selbstverkleinerung geworden ist. Man will verändern, aber bitte so, dass die Besitzstände nicht nervös werden.
Wer nur noch beweist, dass er auch CDU kann, darf sich nicht wundern, wenn irgendwann jemand sagt: Danke, das Original steht schon im Regal.
Die Brandmauer als letztes Alleinstellungsmerkmal
Der eigentliche Unterschied ist inzwischen oft nicht mehr die soziale Frage, nicht der Mut zur Zumutung, nicht einmal immer die ökologische Konsequenz. Der Unterschied ist die Brandmauer. Noch. Dieses „noch“ hängt in der Luft wie ein Warnschild an einer alten Brücke, während der Bürgermeister schon prüft, ob man daraus einen Erlebniswanderweg machen kann.
Die Union hat im Januar 2025 gezeigt, wie elastisch so eine Grenze werden kann: Ein migrationspolitischer Entschließungsantrag bekam im Bundestag eine Mehrheit, die ohne AfD-Stimmen nicht zustande gekommen wäre. Zwei Tage später scheiterte das sogenannte Zustrombegrenzungsgesetz knapp. Das war kein Betriebsunfall. Das war ein Testballon mit Stahlhelm.
Moralisch empört, praktisch anschlussfähig
Die Grünen warnen vor dem Rechtsruck, und das ist richtig. Aber sie müssen aufpassen, nicht gleichzeitig dessen Verwaltungsgrammatik zu übernehmen: mehr Ordnung, mehr Härte, mehr Sicherheit, mehr „Wir müssen die Sorgen ernst nehmen“, was in Deutschland bekanntlich oft heißt: Die Sorgen der Lautesten bekommen ein Mikrofon, die Sorgen der Ärmeren ein Formular.
Wenn Klimapolitik nur noch dann realistisch ist, wenn sie niemandem wehtut, wird sie Dekoration. Wenn Sozialpolitik zur Fußnote wird, sobald „Wirtschaft“ den Raum betritt, ist das keine Verantwortung, sondern Kniefall mit Pressemappe. Und wenn die Brandmauer irgendwann nur noch Kulisse ist, merkt man zu spät, dass auf der anderen Seite schon jemand „pragmatische Mehrheit“ ruft.
Mein Fazit
Die Grünen müssen entscheiden, ob sie eine eigenständige politische Kraft bleiben wollen oder das ökologische Feigenblatt einer Republik werden, die nach rechts blinzelt und nach oben dient. Noch steht die Brandmauer. Noch ist das der Unterschied. Aber eine Partei, die sich ständig als bessere CDU anbietet, endet irgendwann als CDU mit Wärmepumpe. Und dann bleibt von der alten Bewegung nur ein Koalitionsvertrag mit schlechtem Gewissen.
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