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Deutschland nach der Zeitenwende - Politik und Wirtschaft

Die von Olaf Scholz am 27. Februar 2022 ausgerufene „Zeitenwende“ war mehr als eine Reaktion auf Russlands Angriff auf die Ukraine. Sie markierte einen tiefen Einschnitt im politischen Selbstverständnis der Bundesrepublik. Deutschland musste erkennen, dass wirtschaftliche Verflechtung allein keine Sicherheit garantiert. Daraus folgen bis heute grundlegende Fragen: Wie lässt sich Sicherheit neu organisieren, ohne den sozialen Zusammenhalt zu gefährden? Und wie kann eine exportorientierte Volkswirtschaft widerstandsfähiger werden? Sicherheitspolitik wird wieder Kernstaatlichkeit Die erste Folge der Zeitenwende ist die Rückkehr des Staates als sicherheitspolitischer Akteur. Mit dem Sondervermögen von 100 Milliarden Euro und deutlich höheren Verteidigungsausgaben reagierte Deutschland auf jahrzehntelange Versäumnisse. 2025 standen dem Verteidigungsetat laut Bundesverteidigungsministerium rund 62,43 Milliarden Euro plus 24,06 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen zur Verfügung. Das ist e...
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Thinktanks und Stiftungen in der Politik

Politik entsteht nicht allein in Parlamenten, Ministerien oder Parteien. Immer stärker wirken im Vorfeld der Entscheidungen Akteure, die Themen setzen, Studien liefern, Netzwerke knüpfen und Deutungen prägen: Thinktanks und politische Stiftungen. Das ist zunächst nicht illegitim. Moderne Gesellschaften sind komplex, politische Entscheidungen brauchen Expertise. Problematisch wird es dort, wo Einfluss ungleich verteilt ist und finanzstarke Interessen mehr Gehör finden als gesellschaftliche Mehrheiten. Zwischen Expertise und Macht Thinktanks verstehen sich meist als Ideengeber. Sie erstellen Gutachten, formulieren Reformvorschläge und besetzen Debatten frühzeitig mit Begriffen und Konzepten. Politische Stiftungen wiederum arbeiten häufig an der Schnittstelle von politischer Bildung, internationaler Zusammenarbeit und programmatischer Orientierung. Beide Formen können demokratische Politik stärken, weil sie Wissen bündeln, Diskussionen vertiefen und langfristige Perspektiven eröffnen. ...

Medienmacht und Demokratie - Wer prägt die Meinung?

Demokratie lebt von informierten Bürgerinnen und Bürgern. Doch genau diese Voraussetzung gerät unter Druck, wenn öffentliche Meinung immer stärker durch ökonomisch konzentrierte Medienmacht, digitale Plattformlogiken und emotionalisierte Debatten geprägt wird. Wo Aufmerksamkeit zur Ware wird, verändert sich auch der politische Diskurs: Nicht mehr allein Relevanz, sondern Reichweite, Zuspitzung und Empörung entscheiden darüber, was sichtbar wird. Konzentration von Medienmacht Ein erstes Problem liegt in der wirtschaftlichen Struktur des Mediensystems. Wenn wenige große Medienhäuser, Plattformen und Technologiekonzerne einen Großteil der Informationskanäle kontrollieren, verengt sich die Vielfalt der Perspektiven. Formal bleibt Meinungsfreiheit bestehen, praktisch aber entstehen Abhängigkeiten von Eigentumsinteressen, Werbemärkten und Klicklogiken. Das ist kein neuer Befund: Schon in früheren Phasen der Industriegesellschaft war die Presse nie frei von Macht- und Besitzverhältnissen. N...

Europas Zukunft ist eine soziale und politische Machtfrage

Die Europäische Union steht an einem Punkt, an dem alte Gewissheiten nicht mehr tragen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die verschärfte Konkurrenz zwischen den USA und China, die Debatten über Migration, Energiepreise und industrielle Wettbewerbsfähigkeit haben gezeigt: Die EU kann sich weder auf den Binnenmarkt noch auf ihre Friedensgeschichte allein verlassen. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob Europa unter Druck steht, sondern ob es diesen Druck in neue politische Handlungsfähigkeit übersetzt. Genau daran entscheidet sich, ob Integration vertieft oder Fragmentierung beschleunigt wird. Die jüngsten Beschlüsse der EU zeigen beides zugleich: mehr Bereitschaft zur gemeinsamen Steuerung, aber auch wachsende Konflikte über Tempo, Kosten und nationale Prioritäten. Gemeinsame Krisen schaffen mehr Integration Historisch ist die EU fast immer durch Krisen vorangekommen. Die Eurokrise führte zu neuen finanzpolitischen Instrumenten, die Pandemie zu gemeinsamer Verschuldung,...

Die stille Erosion politischer Nähe

Politische Parteien leben nicht allein von Programmen, sondern von gesellschaftlicher Verankerung. Wo diese Bindung schwindet, entsteht ein Vakuum: Politik wirkt fern, austauschbar und technokratisch. Genau das prägt viele westliche Demokratien. Sinkende Mitgliedszahlen, wachsende Wahlenthaltung und volatile Wahlergebnisse sind keine zufälligen Begleiterscheinungen, sondern Hinweise auf einen tieferen Strukturwandel. Der Verlust sozialer Milieus Über Jahrzehnte waren Parteien eng mit stabilen sozialen Milieus verbunden: Arbeiterbewegung, Kirchen, Gewerkschaften, Verbände oder bürgerliche Vereinswelten. Diese Milieus gaben politische Orientierung und erzeugten Loyalität. Heute sind Lebensläufe fragmentierter, Arbeitsverhältnisse unsicherer und soziale Zugehörigkeiten fluider. Wer in befristeten Jobs arbeitet, mehrfach den Wohnort wechselt oder sich eher digital als lokal organisiert, entwickelt seltener eine dauerhafte Parteibindung. Parteien verlieren damit ihre einstigen gesellschaf...