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Fortschritt wofür? Technik, Wachstum, Gerechtigkeit

Fortschritt gehört zu den großen Leitbegriffen der Moderne. Kaum ein politisches Programm, kaum eine Unternehmensstrategie, kaum eine Verwaltungsreform kommt ohne ihn aus. Doch gerade darin liegt das Problem: Fortschritt wird oft als Selbstzweck behandelt. Mehr Digitalisierung, mehr Effizienz, mehr Wachstum gelten fast automatisch als Verbesserung. Aber technischer, ökonomischer oder administrativer Fortschritt ist noch kein sozialer Fortschritt. Entscheidend ist nicht, dass sich etwas verändert, sondern wem diese Veränderung nützt. Technischer Fortschritt ist nicht neutral Neue Technologien versprechen Erleichterung, Produktivität und Wohlstand. Tatsächlich können sie vieles verbessern: medizinische Versorgung, Kommunikation oder Arbeitsabläufe. Doch ihr sozialer Ertrag ist ungleich verteilt. Plattformarbeit, algorithmische Kontrolle und permanente Erreichbarkeit zeigen, dass technische Innovation auch neue Abhängigkeiten schaffen kann. Wer etwa im Lieferdienst oder in digitalen N...
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Europa und Bürger - Warum die EU emotional fern bleibt

Europa als Vernunftprojekt Die Europäische Union wird in Krisenzeiten meist mit Zahlen, Verträgen und Nutzenargumenten verteidigt: Binnenmarkt, Frieden, Freizügigkeit, Währungsstabilität. All das ist richtig – und politisch hoch relevant. Dennoch bleibt ein auffälliger Befund: Viele Bürgerinnen und Bürger erkennen den praktischen Nutzen Europas an, ohne sich dem Projekt innerlich verbunden zu fühlen. Die EU erscheint oft als Verwaltungs- und Regelwerk, nicht als politisches Gemeinwesen, das Zugehörigkeit stiftet. Gerade darin liegt ein gesellschaftliches Problem. Denn auf Dauer tragen demokratische Ordnungen nicht von Rationalität allein, sondern auch von Identifikation, Vertrauen und gemeinsamer Vorstellungskraft. Wohlstand ohne Erzählung Ein Grund für diese Distanz liegt in der Geschichte der Integration selbst. Europa wurde nach 1945 bewusst als Friedens- und Wirtschaftsprojekt aufgebaut. Seine Stärke lag in der schrittweisen Verflechtung von Interessen, nicht in der Mobilisierun...

Hörbuchempfehlung April 2026

Das Hörbuch konzentriert sich auf die "Kaiserzeit" von 1888 bis 1914 und untersucht die Geschichte Deutschlands an der Wende zum 20. Jahrhundert . Es wird die Perspektive beleuchtet, nach der Deutschland als aufstrebende Großmacht , deren "expansive Kraft" unweigerlich zur "Explosion" führen musste, betrachtet wurde . Die Erzählung beginnt mit den turbulenten Thronwechseln im Jahr 1888 . Nach dem Tod Wilhelms I. und dem nur 99 Tage regierenden, liberal gesinnten Friedrich III. , bestieg der junge Wilhelm II. den Thron . Wilhelm II. geriet schnell in Konflikt mit dem alternden Reichskanzler Otto von Bismarck, insbesondere in der Sozialpolitik, da der Kaiser den ausgebeuteten Arbeitern entgegenkommen wollte . Im März 1890 zwang der Kaiser den 73-jährigen Bismarck zum Rücktritt . Bismarck, der den Machtkampf verlor, verbrachte seine letzten Jahre als Kritiker und "Demagoge" in Friedrichsruh , wobei er von Kräften wie den Antisemiten und Alldeutschen...

Krise der Öffentlichkeit - Warum Debatten an Tiefe verlieren

Die demokratische Öffentlichkeit steht unter Druck. Öffentliche Debatten verlaufen heute schneller, schärfer und zugleich flüchtiger als noch vor wenigen Jahrzehnten. Was früher über Tage oder Wochen eingeordnet, kommentiert und politisch verarbeitet wurde, wird heute oft in wenigen Stunden durch die nächste Aufregung ersetzt. Das verändert nicht nur den Ton der Auseinandersetzung, sondern auch ihre politische Qualität. Beschleunigung ersetzt Einordnung Ein zentrales Problem ist die extreme Beschleunigung öffentlicher Kommunikation. Soziale Medien belohnen Zuspitzung, Reaktion und Sichtbarkeit, nicht Abwägung. Wer Aufmerksamkeit erzeugen will, muss vereinfachen, emotionalisieren und verkürzen. Damit geraten jene Formen öffentlicher Verständigung ins Hintertreffen, die für eine demokratische Kultur eigentlich unverzichtbar sind: Einordnung, Zweifel, Differenzierung. Empörung wird zum Geschäftsmodell Hinzu kommt ein ökonomischer Faktor. Öffentlichkeit ist längst Teil einer Aufmerksam...

Die konservative Revolution als Warnsignal

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Die konservative Revolution als Warnsignal Warum ein historisch belasteter Begriff wieder politische Bedeutung gewinnt und was das über den Zustand liberaler Demokratien sagt. Von Ralf Schönert  •  16. Oktober 2026 Die Rede von einer „konservativen Revolution“ klingt widersprüchlich: Bewahren und Umstürzen scheinen nicht zusammenzupassen. Gerade darin liegt ihre politische Brisanz. Der Begriff steht für den Versuch, demokratische Institutionen nicht offen abzuschaffen, sondern ihren Sinn kulturell, sprachlich und moralisch umzudeuten. Wer heute von einer konservativen Revolution spricht, meint selten bloß eine Rückkehr zu klassischen konservativen Tugenden: Maß, Verantwortung, Bindung, Institutionenvertrauen. Gemeint ist häufiger eine tiefere Verschiebung des politischen Koordinatensystems. Nicht mehr einzelne Reformen stehen im Mittelpunkt, sondern die Erzählung, der bestehende demokratische Liberalismus selbst sei ers...