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Timothy Snyder und die Politik des Vorgriffs

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Timothy Snyder und die Politik des Vorgriffs Das auf der verlinkten Startseite (Link s.u.) derzeit prominente Essay liest Krieg, Wahlkampf und Autoritarismus als zusammenhängende Gefahr – stark in der historischen Typenbildung, angreifbar in der Zuspitzung. Von Ralf Schönert  •  8. April 2026 Timothy Snyders neues Essay ist keine nüchterne Lageanalyse im engen Sinn, sondern ein politischer Warntext. Gerade darin liegt seine Wirkung: Er versucht nicht nur zu beschreiben, was ist, sondern begrifflich vorzubereiten, was in Krisenzeiten möglich werden kann. Die Leitfrage lautet deshalb nicht, ob jede seiner Befürchtungen eintreffen wird, sondern ob Demokratien solche Szenarien früh genug erkennen. Das auf Timothy Snyders Substack verlinkte Essay „The Next Coup Attempt“ ist vor allem ein Text der Prävention. Snyder verbindet einen aktuellen Kriegszustand, die kommende Wahl und die Person Donald Trumps zu einer These: Außen...
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Europa zwischen Integration und Krise

Ein Kontinent unter Druck Die Europäische Union steht heute vor einer ihrer größten Bewährungsproben seit ihrer Gründung. Mehrere Krisen überlagern sich: geopolitische Spannungen, wirtschaftliche Ungleichgewichte, migrationspolitische Konflikte und wachsende Zweifel an der Handlungsfähigkeit europäischer Institutionen. Während die EU ursprünglich als Friedens- und Wohlstandsprojekt entstand, stellt sich heute zunehmend die Frage, ob sie noch als solidarische Schutzgemeinschaft funktioniert oder ob sie zu einem komplexen Krisenkonstrukt geworden ist, das Schwierigkeiten hat, gemeinsame Antworten zu finden. Die Herausforderung liegt darin, dass die Europäische Integration stets zwei widersprüchliche Kräfte miteinander verbinden musste: den Anspruch gemeinsamer politischer Gestaltung und die fortbestehenden nationalen Interessen der Mitgliedstaaten. Integration als historisches Erfolgsmodell Historisch betrachtet gehört die europäische Integration zu den erfolgreichsten politischen Pr...

SPD und das Versprechen sozialer Gerechtigkeit

Ein historischer Anspruch unter Druck Die deutsche Sozialdemokratie war über mehr als ein Jahrhundert hinweg eng mit der Idee sozialer Gerechtigkeit verbunden. Für breite Bevölkerungsschichten verkörperte sie die Hoffnung auf sozialen Aufstieg, politische Teilhabe und eine demokratische Gestaltung der Wirtschaft. Vom Kampf um das allgemeine Wahlrecht über die Einführung des Sozialstaats bis hin zur Mitbestimmung in der Industrie war die SPD eine treibende Kraft gesellschaftlicher Reformen. Heute jedoch wirkt dieses historische Versprechen brüchig. Während soziale Ungleichheit wächst, prekäre Beschäftigung zunimmt und wirtschaftliche Transformationen neue Unsicherheiten erzeugen, fällt es der Sozialdemokratie zunehmend schwer, ihre Rolle als zentrale politische Kraft der sozialen Gerechtigkeit überzeugend zu behaupten. Die Frage stellt sich daher: Was ist aus dem historischen Anspruch der SPD geworden? Die historische Idee: Aufstieg durch Demokratie und Sozialstaat Die Sozialdemokra...

Was Josef von Arimatäa zur Weltlage sagen würde

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Was Josef von Arimatäa zur Weltlage sagen würde Ein Mann mit Sinn für Anstand und Bestattungen würde der Gegenwart vermutlich vor allem eines attestieren: Sie verwaltet Krieg, Freiheit, Klima und Moral mit erschreckender Professionalität. Von Ralf Schönert  •  6. April 2026 Vielleicht würde Josef von Arimatäa heute nichts Frommes sagen, sondern nur dies: Ihr habt aus der Welt ein Grab gemacht, aber eines mit Presseabteilung. Zwischen Kriegen, Bündnisnervosität, Zollpolitik und schwindender Freiheit wirkt die Gegenwart wie ein System, das Krisen nicht löst, sondern professionell verwaltet. Josef war, historisch nüchtern betrachtet, ein Mann der Zwischenräume: fromm genug für Anstand, nah genug an der Macht, um noch handeln zu können. In der Gegenwart würde er wohl zuerst die Meisterschaft bestaunen, mit der Katastrophen in Gipfel, Lagebilder und Sprachregelungen übersetzt werden. Die Weltlage ist nicht nur gefährl...

Demokratie in der Krise - Vertrauen und Erneuerung

Demokratie lebt vom Versprechen politischer Selbstbestimmung. Sie soll Interessen ausgleichen, Konflikte friedlich verarbeiten und gesellschaftliche Richtung geben, ohne Freiheit und Rechtsstaatlichkeit preiszugeben. Gerade darin liegt ihre historische Stärke. Doch in vielen westlichen Gesellschaften wächst ein anderes Gefühl: dass demokratische Institutionen zwar weiterhin legitimiert sind, aber immer seltener als wirksam wahrgenommen werden. Viele Bürger erwarten von Politik Orientierung, Entschlossenheit und konkrete Problemlösung. Gleichzeitig entsteht der Eindruck, dass Parlamente, Regierungen und Parteien langsamer reagieren, als Krisen entstehen. Aus dieser Spannung zwischen normativem Anspruch und praktischer Erschöpfung speist sich ein wachsender Vertrauensverlust. Er ist nicht bloß Ausdruck schlechter Stimmung, sondern ein Symptom tiefer liegender struktureller Veränderungen. Zunächst ist festzuhalten, dass die Überforderung demokratischer Politik nicht aus einem einzelnen V...