Direkt zum Hauptbereich

Posts

Europas Vetofalle

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Europas Vetofalle Warum die EU an ihrer eigenen Einstimmigkeit scheitert und weshalb Handlungsfähigkeit zur demokratischen Schlüsselfrage geworden ist. Von Ralf Schönert  •  7. Oktober 2026 Die Europäische Union versteht sich als Raum gemeinsamer Werte und geteilter Souveränität. Doch ausgerechnet dort, wo sie geschlossen handeln müsste, wird sie durch das Prinzip der Einstimmigkeit häufig zur Geisel nationaler Einzelinteressen. Die Frage ist nicht, ob kleine Staaten Schutz verdienen. Die Frage ist, ob ein einzelnes Veto noch legitime Sicherung oder bereits politische Erpressbarkeit bedeutet. Die Einstimmigkeit gehört zum historischen Erbgut der europäischen Integration. Sie entstand aus der Vorsicht souveräner Staaten, die nach Krieg, Diktatur und Blockkonfrontation bereit waren, Kompetenzen zu teilen, aber nicht vollständig aus der Hand zu geben. In sensiblen Bereichen wie Außenpolitik, Steuerfragen, Erweiterung und T...
Letzte Posts

Katastrophenvorsorge ist eine soziale Frage

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Katastrophenvorsorge ist eine soziale Frage Zum Internationalen Tag für Katastrophenvorsorge stellt sich eine unbequeme Frage: Wer kann sich Schutz leisten, und wer bleibt im Ernstfall besonders verwundbar? Von Ralf Schönert  •  6. Oktober 2026 Katastrophen treffen Gesellschaften nie gleichmäßig. Starkregen, Hitzewellen, Stromausfälle oder Pandemien legen nicht nur technische Schwachstellen offen, sondern auch soziale Brüche. Vorsorge ist deshalb mehr als ein Vorratsregal im Keller. Sie ist ein Maßstab dafür, wie ernst eine Gesellschaft den Schutz der Schwächeren nimmt. Der Internationale Tag für Katastrophenvorsorge wird jedes Jahr am 13. Oktober begangen. Er erinnert daran, dass Krisen nicht erst beginnen, wenn Wasser in Straßen läuft, Hitze Wohnungen unerträglich macht oder Warnmeldungen auf Mobiltelefonen erscheinen. Krisen beginnen früher: bei schlechter Infrastruktur, fehlender Information, knappen Einkommen, unsi...

Schule als demokratische Infrastruktur

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Schule als demokratische Infrastruktur Am Welttag der Lehrerin und des Lehrers stellt sich eine Frage, die über Bildungspolitik hinausweist: Wie stabil bleibt eine Demokratie, wenn ihre öffentlichen Schulen schwächer werden? Von Ralf Schönert  •  5. Oktober 2026 Schule ist mehr als Unterricht nach Stundentafel. Sie ist einer der wenigen Orte, an denen Kinder sehr unterschiedlicher Herkunft über Jahre hinweg gemeinsam lernen, Regeln einüben, Konflikte austragen und Öffentlichkeit im Kleinen erfahren. Wer über Demokratie spricht, muss deshalb auch über die öffentliche Schule sprechen. Der UNESCO-Welttag der Lehrerin und des Lehrers am 5. Oktober erinnert seit 1994 an die Bedeutung des Lehrerberufs und an die ILO/UNESCO-Empfehlung von 1966 zur Stellung der Lehrkräfte. In Deutschland wird dieser Tag oft freundlich begangen, aber selten politisch ernst genug genommen. Denn die Lage der Schule ist längst kein Randthema mehr...

Suez 1956: Der Moment, in dem Europa seine alte Macht verlor

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Suez 1956: Der Moment, in dem Europa seine alte Macht verlor Siebzig Jahre nach der Suezkrise zeigt sich, wie eng Kolonialismus, Machtillusion und der Aufstieg einer neuen Weltordnung miteinander verbunden waren. Von Ralf Schönert  •  4. Oktober 2026 Die Suezkrise war mehr als ein regionaler Konflikt um einen Kanal. Sie war ein historischer Offenbarungseid: Großbritannien und Frankreich versuchten 1956 noch einmal, mit militärischer Gewalt eine alte imperiale Ordnung zu retten. Am Ende zeigte sich, dass die Zeit europäischer Weltmachtpolitik vorbei war. Als Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser am 26. Juli 1956 die Suezkanal-Gesellschaft verstaatlichte, berührte er einen Nerv der alten europäischen Mächte. Der Kanal war nicht nur eine Wasserstraße zwischen Mittelmeer und Rotem Meer. Er war ein Symbol kolonialer Kontrolle, wirtschaftlicher Abhängigkeit und strategischer Überlegenheit. Ende Oktober 1956 eskalierte die K...

Tag der Deutschen Einheit: Sekundenkleber, Bratwurst und die Illusion von Einigkeit

Der 3. Oktober – offiziell ein Feiertag, inoffiziell ein kollektiver Versuch, zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften in einem Staat zu verklammern. „Tag der Deutschen Einheit“ klingt feierlich, nach Patriotismus und großer Harmonie. Die Realität? Eher ein Puzzle, dessen Teile mit politischem Sekundenkleber zusammengepresst wurden. Hält, aber knirscht. Die Wahl des Datums ist dabei eine eigene Anekdote wert. Ursprünglich war der 9. November im Gespräch – immerhin fiel an diesem Tag 1989 die Mauer. Doch leider trägt das Datum auch die Last der Reichspogromnacht von 1938. Historisch etwas unpraktisch, um es vorsichtig zu sagen. Also griff man zum 3. Oktober 1990, dem Tag, an dem die Wiedervereinigung offiziell wurde – inklusive Verträgen, wehenden Fahnen und viel staatlicher Selbstinszenierung. Seitdem gibt es jedes Jahr die „Erinnerungseinheit“: geschlossene Supermärkte, Gedenkveranstaltungen, Bratwurststände und ein Schuss Ostalgie. Einigkeit? Eher symbolisch. Denn die Unterschiede...