POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Ein Jahr Koalitionsvertrag: Stabilität durch Kompromiss – Fortschritt unter Vorbehalt Zwischen sozialpolitischem Anspruch und marktwirtschaftlicher Begrenzung: Wie tragfähig ist die Bilanz der schwarz-roten Vereinbarung nach zwölf Monaten? Von Ralf Schönert • 25. April 2026 Ein Jahr nach Abschluss des Koalitionsvertrags zwischen CDU und SPD zeigt sich ein vertrautes Bild: politischer Ausgleich als Voraussetzung für Regierungsfähigkeit – und zugleich als Grenze für programmatische Klarheit. Der Vertrag enthält sozialpolitische Fortschritte, bleibt jedoch in seiner strukturellen Wirkung ambivalent. Er stabilisiert, ohne grundlegend zu verändern. Koalitionsverträge sind stets Dokumente der Balance. Sie spiegeln weniger die reine Programmatik einer Partei als vielmehr das Ergebnis politischer Aushandlung. In diesem Sinne war auch die Vereinbarung zwischen CDU und SPD von Beginn an ein Kompromisspapier, das unterschiedlic...
Soziale Gerechtigkeit gehört zu den meistverwendeten Begriffen der politischen Debatte. Gerade deshalb bleibt oft unklar, was damit konkret gemeint ist. Im 21. Jahrhundert reicht es nicht mehr, soziale Gerechtigkeit allein als Ausgleich zwischen Arm und Reich zu verstehen. Sie betrifft vielmehr die Frage, ob Menschen unter den Bedingungen einer hochentwickelten Wirtschaft faire Chancen auf Bildung, Sicherheit, Teilhabe und ein selbstbestimmtes Leben haben. In einer Zeit wachsender Vermögenskonzentration, ungleicher Bildungschancen und diffuser Abstiegsängste wird sie damit zu einer Kernfrage demokratischer Stabilität. Soziale Gerechtigkeit ist mehr als Umverteilung Lange wurde soziale Gerechtigkeit vor allem mit Löhnen, Renten und Sozialleistungen verbunden. Das bleibt wichtig, greift heute aber zu kurz. Wer soziale Gerechtigkeit ernst nimmt, muss auch Vermögen, Wohnraum, Gesundheit, Bildung und politische Einflussmöglichkeiten betrachten. Denn Ungleichheit entsteht nicht erst beim E...