POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Lächeln, bis die Fassade hält Der Tag des positiven Denkens erinnert daran, dass Optimismus eine Tugend sein kann – und eine sehr bequeme Methode, Probleme dekorativ zu übermalen. Von Ralf Schönert • 13. September 2026 Der Tag des positiven Denkens ist ein inoffizieller Feiertag von jener Sorte, die harmlos wirkt, bis man merkt, wie gut sie in eine Gesellschaft passt, die lieber gute Laune verwaltet als Ursachen beseitigt. Optimismus ist schön. Als Regierungsersatz ist er allerdings eine Zumutung mit freundlicher Miene. Am 13. September soll also positiv gedacht werden. Das klingt zunächst wie eine harmlose Einladung zum inneren Fensterputz. Man betrachtet die Welt, sieht Kriege, Krisen, soziale Spaltung, steigende Kosten, überforderte Institutionen und sagt sich: Immerhin ist der Kaffee noch warm. Der moderne Optimismus hat sich längst von der Hoffnung entfernt. Hoffnung verlangt Richtung, Arbeit und gelegentlich W...
POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Wottsäpp-Gruppen, die letzte Ruhestätte des Gedankens Zwischen digitalem Stammtisch, Mikromacht und permanentem Alarm prüft die Wottsäpp-Gruppe, wie effizient eine Gesellschaft ihren Rest an Urteilskraft in schlechten Benachrichtigungstönen beerdigen kann. Von Ralf Schönert • 12. September 2026 Wottsäpp-Gruppen sind die kleinste autoritäre Einheit der Gegenwart: ein Raum ohne Redaktion, ohne Gedächtnis, ohne Scham, aber mit hundertachtunddreißig ungelesenen Nachrichten und einem Admin, der sich für die Geschäftsordnung des Abendlandes hält. Was dort kursiert, ist selten Information und fast immer Atmosphäre: Verdacht, Gekränktheit, Selbstüberhöhung und jene demokratiezersetzende Gemütlichkeit, in der jeder Unsinn nur deshalb plausibel wirkt, weil ihn Tante Gisela mit betenden Händen weitergeleitet hat. Die Wottsäpp-Gruppe ist kein technisches Werkzeug mehr, sondern eine soziale Endlagerstätte. Sie archiviert zuverläs...