Direkt zum Hauptbereich

Posts

Suez 1956: Der Moment, in dem Europa seine alte Macht verlor

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT Suez 1956: Der Moment, in dem Europa seine alte Macht verlor Siebzig Jahre nach der Suezkrise zeigt sich, wie eng Kolonialismus, Machtillusion und der Aufstieg einer neuen Weltordnung miteinander verbunden waren. Von Ralf Schönert  •  4. Oktober 2026 Die Suezkrise war mehr als ein regionaler Konflikt um einen Kanal. Sie war ein historischer Offenbarungseid: Großbritannien und Frankreich versuchten 1956 noch einmal, mit militärischer Gewalt eine alte imperiale Ordnung zu retten. Am Ende zeigte sich, dass die Zeit europäischer Weltmachtpolitik vorbei war. Als Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser am 26. Juli 1956 die Suezkanal-Gesellschaft verstaatlichte, berührte er einen Nerv der alten europäischen Mächte. Der Kanal war nicht nur eine Wasserstraße zwischen Mittelmeer und Rotem Meer. Er war ein Symbol kolonialer Kontrolle, wirtschaftlicher Abhängigkeit und strategischer Überlegenheit. Ende Oktober 1956 eskalierte die K...
Letzte Posts

Tag der Deutschen Einheit: Sekundenkleber, Bratwurst und die Illusion von Einigkeit

Der 3. Oktober – offiziell ein Feiertag, inoffiziell ein kollektiver Versuch, zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften in einem Staat zu verklammern. „Tag der Deutschen Einheit“ klingt feierlich, nach Patriotismus und großer Harmonie. Die Realität? Eher ein Puzzle, dessen Teile mit politischem Sekundenkleber zusammengepresst wurden. Hält, aber knirscht. Die Wahl des Datums ist dabei eine eigene Anekdote wert. Ursprünglich war der 9. November im Gespräch – immerhin fiel an diesem Tag 1989 die Mauer. Doch leider trägt das Datum auch die Last der Reichspogromnacht von 1938. Historisch etwas unpraktisch, um es vorsichtig zu sagen. Also griff man zum 3. Oktober 1990, dem Tag, an dem die Wiedervereinigung offiziell wurde – inklusive Verträgen, wehenden Fahnen und viel staatlicher Selbstinszenierung. Seitdem gibt es jedes Jahr die „Erinnerungseinheit“: geschlossene Supermärkte, Gedenkveranstaltungen, Bratwurststände und ein Schuss Ostalgie. Einigkeit? Eher symbolisch. Denn die Unterschiede...

70 Jahre Ungarnaufstand: Europas verratene Freiheitsgeschichte

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT 70 Jahre Ungarnaufstand: Europas verratene Freiheitsgeschichte Der Aufstand von 1956 erinnert daran, wie hoch der Preis der Freiheit sein kann, wenn Machtpolitik stärker wirkt als Solidarität. Von Ralf Schönert  •  2. Oktober 2026 Am 23. Oktober 2026 jährt sich der Beginn des ungarischen Volksaufstands zum siebzigsten Mal. Die Erinnerung daran ist mehr als ein historisches Ritual. Sie stellt bis heute die unbequeme Frage, was europäische Freiheit wert ist, wenn sie außerhalb sicherer Machtgrenzen verteidigt werden muss. Der Ungarnaufstand begann am 23. Oktober 1956 mit Demonstrationen von Studierenden in Budapest. Aus Forderungen nach Reformen, nationaler Selbstbestimmung und politischer Öffnung wurde innerhalb weniger Tage eine breite Erhebung gegen die kommunistische Parteiherrschaft und die sowjetische Vormacht. Imre Nagy wurde zur politischen Figur dieser kurzen Hoffnung. Seine Regierung kündigte den Austritt aus ...

80 Jahre Nürnberger Urteile

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT 80 Jahre Nürnberger Urteile Was vom Versprechen des internationalen Strafrechts geblieben ist und warum Nürnberg in einer Zeit neuer Kriege, Massengewalt und politischer Doppelstandards wieder bedrängend aktuell wirkt. Von Ralf Schönert  •  1. Oktober 2026 Vor 80 Jahren, am 30. September und 1. Oktober 1946, sprach das Internationale Militärtribunal in Nürnberg seine Urteile. Der historische Einschnitt lag nicht nur in der Bestrafung nationalsozialistischer Hauptverbrecher. Nürnberg setzte einen Maßstab: Auch politische und militärische Führung kann für Angriffskrieg, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit persönlich verantwortlich gemacht werden. Dieses Versprechen lebt fort. Aber seine Durchsetzung bleibt bis heute lückenhaft. Nürnberg war ein Bruch mit einer alten Staatsräson, nach der Gewalt von oben politisch erklärt, aber juristisch kaum erreicht werden konnte. Das Tribunal definierte und verfol...

„Patriotische Jugend“: Was hinter dem Umbau der AfD-Jugend steckt

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT „Patriotische Jugend“: Was hinter dem Umbau der AfD-Jugend steckt Der Begriff „Patriotische Jugend“ war ein aufschlussreicher Namensvorschlag, die seit Ende 2025 offiziell bestehende AfD-Jugendorganisation heißt jedoch „Generation Deutschland“. Politisch entscheidend ist deshalb weniger das Etikett als die Frage nach Kontinuität, Kontrolle und ideologischer Ausrichtung. Von Ralf Schönert  •  30. September 2026  Wer nach der „Patriotischen Jugend“ fragt, fragt in Wahrheit nach der strategischen Neuordnung des AfD-Nachwuchses. Die eigentliche Pointe liegt nicht darin, dass ein schärfer klingender Name am Ende verworfen wurde, sondern darin, dass die Partei ihren Jugendverband organisatorisch enger an sich gebunden und politisch neu aufgestellt hat. Im Januar 2025 änderte die AfD ihre Bundessatzung, um die bis dahin als eigenständiger Verein organisierte „Junge Alternative“ durch eine neue, rechtlich unselbständige Pa...