Der 3. Oktober – offiziell ein Feiertag, inoffiziell ein kollektiver Versuch, zwei sehr unterschiedliche Gesellschaften in einem Staat zu verklammern. „Tag der Deutschen Einheit“ klingt feierlich, nach Patriotismus und großer Harmonie. Die Realität? Eher ein Puzzle, dessen Teile mit politischem Sekundenkleber zusammengepresst wurden. Hält, aber knirscht. Die Wahl des Datums ist dabei eine eigene Anekdote wert. Ursprünglich war der 9. November im Gespräch – immerhin fiel an diesem Tag 1989 die Mauer. Doch leider trägt das Datum auch die Last der Reichspogromnacht von 1938. Historisch etwas unpraktisch, um es vorsichtig zu sagen. Also griff man zum 3. Oktober 1990, dem Tag, an dem die Wiedervereinigung offiziell wurde – inklusive Verträgen, wehenden Fahnen und viel staatlicher Selbstinszenierung. Seitdem gibt es jedes Jahr die „Erinnerungseinheit“: geschlossene Supermärkte, Gedenkveranstaltungen, Bratwurststände und ein Schuss Ostalgie. Einigkeit? Eher symbolisch. Denn die Unterschiede...
POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT 70 Jahre Ungarnaufstand: Europas verratene Freiheitsgeschichte Der Aufstand von 1956 erinnert daran, wie hoch der Preis der Freiheit sein kann, wenn Machtpolitik stärker wirkt als Solidarität. Von Ralf Schönert • 2. Oktober 2026 Am 23. Oktober 2026 jährt sich der Beginn des ungarischen Volksaufstands zum siebzigsten Mal. Die Erinnerung daran ist mehr als ein historisches Ritual. Sie stellt bis heute die unbequeme Frage, was europäische Freiheit wert ist, wenn sie außerhalb sicherer Machtgrenzen verteidigt werden muss. Der Ungarnaufstand begann am 23. Oktober 1956 mit Demonstrationen von Studierenden in Budapest. Aus Forderungen nach Reformen, nationaler Selbstbestimmung und politischer Öffnung wurde innerhalb weniger Tage eine breite Erhebung gegen die kommunistische Parteiherrschaft und die sowjetische Vormacht. Imre Nagy wurde zur politischen Figur dieser kurzen Hoffnung. Seine Regierung kündigte den Austritt aus ...