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SPD und AfD-Wähler - Wie sozialdemokratische Grundwerte verlorenes Vertrauen zurückgewinnen können

Die Diskussion ist nicht neu, gewinnt aber an Schärfe: Soll – und kann – die SPD Wählerinnen und Wähler zurückholen, die heute AfD wählen? Hinter dieser Frage verbirgt sich mehr als taktisches Kalkül. Es geht um Selbstverständnis, um politische Identität – und um die Zukunft der demokratischen Kultur in Deutschland. Zunächst eine Klarstellung: Sozialdemokratie war nie ein Projekt der Ausgrenzung. Sie entstand aus dem Anspruch, gesellschaftliche Spaltungen zu überwinden – zwischen Arm und Reich, zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Privileg und Benachteiligung. Ihr Kern war immer: soziale Gerechtigkeit, Freiheit, Solidarität und demokratische Verantwortung . Wer über das „Zurückholen“ von AfD-Wählern spricht, darf diese Grundsätze nicht relativieren. Die SPD darf keine Inhalte übernehmen, die Menschen gegeneinander ausspielen oder demokratische Institutionen delegitimieren. Aber sie darf auch nicht akzeptieren, dass Millionen Bürger politisch dauerhaft verloren gehen. Ein nüchterner ...
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EU-Demokratie am 14. März - Wie stark ist das Europäische Parlament wirklich?

Der 14. März markiert einen wichtigen Meilenstein europäischer Demokratiegeschichte: 1979 wurde das Europäisches Parlament erstmals direkt von den Bürgerinnen und Bürgern der damaligen Europäischen Gemeinschaft gewählt. Was heute selbstverständlich erscheint, war damals ein institutioneller Durchbruch. Erstmals erhielt das parlamentarische Organ auf europäischer Ebene eine unmittelbare demokratische Legitimation. Doch fast ein halbes Jahrhundert später stellt sich eine grundlegende Frage: Wie stark ist die EU-Demokratie tatsächlich – und welche Rolle spielt das Europäische Parlament im Machtgefüge der Europäischen Union? Vom Konsultationsorgan zum Mitgesetzgeber In den Anfangsjahren war das Parlament politisch schwach. Es durfte beraten, aber nicht entscheiden. Erst durch die Reformverträge – insbesondere den Vertrag von Maastricht (1992), Amsterdam (1997) und Lissabon (2009) – entwickelte es sich schrittweise zu einem echten Mitgesetzgeber. Heute gilt das sogenannte „Ordentliche G...

Ein Jahr danach - Was bleibt von der „menschlichen“ Migrationspolitik?

Mein Kommentar vom 12.3.2025 Im März 2025 stellte ich die Frage, ob die SPD dabei ist, ihre migrationspolitischen Grundsätze dem Druck koalitionärer Kompromisse zu opfern. Ein Jahr später lohnt sich eine nüchterne Bilanz – nicht polemisch, sondern analytisch. Die Ausgangslage war klar: Die Sozialdemokratie hatte über Jahre eine „menschliche“ Migrationspolitik propagiert – geprägt von Humanität, Integration und europäischer Verantwortung. Nach den Sondierungen mit der Union jedoch dominierten Verschärfungen im Asylrecht, verstärkte Grenzkontrollen und eine sichtbar restriktivere Abschiebepraxis die politische Debatte. Die damalige Sorge lautete: Entfernt sich die SPD von ihrem normativen Kern? Heute zeigt sich: Die Spannungen sind nicht verschwunden – sie sind strukturell geworden. Erstens: Der migrationspolitische Diskurs hat sich insgesamt verschoben. Sicherheits- und Steuerungsfragen dominieren die öffentliche Wahrnehmung. Humanitäre Argumente wirken defensiv. In diesem Klima reag...

Koalitionsvertrag 2025: Sozialdemokratische Ideale auf dem Prüfstand

Ein Jahr nach der Verkündung des Koalitionsvertrags 2025 ist es an der Zeit für eine kritische Bestandsaufnahme. Die Erwartungen an eine Regierung, die sich unter maßgeblicher Beteiligung einer sozialdemokratischen Partei konstituiert hat, waren hoch – insbesondere im Hinblick auf die Stärkung sozialer Gerechtigkeit und die Reduzierung gesellschaftlicher Ungleichheiten. Doch wie erfolgreich war die Umsetzung der im Vertrag verankerten Ziele in der realpolitischen Praxis, und inwieweit spiegeln die aktuellen Ergebnisse noch die Kernprinzipien der Sozialdemokratie wider? Die Einordnung in den gesellschaftlichen Kontext ist entscheidend. Deutschland befindet sich weiterhin in einer Phase rapider wirtschaftlicher Transformation, die durch Globalisierung, Digitalisierung und den Klimawandel geprägt ist. Diese Prozesse bergen das Potenzial für Wohlstandszuwachs, schaffen aber gleichzeitig neue Herausforderungen in Bezug auf Vermögenskonzentration und die Verteilung der Steuerlast. Eine sozia...

Christfluencer – Wenn der Glaube den Algorithmus küsst (und beide Schaden nehmen)

Es gibt Dinge, die sollte man vielleicht nicht miteinander vermischen. Zum Beispiel Glauben und Clickbait. Oder Spiritualität und Rabattcodes. Und doch stehen sie da, geschniegelt, gefiltert und mit Ringlicht gesegnet: die Christfluencer. Menschen, die behaupten, Jesus hätte heute vermutlich einen Instagram-Account – und zwar einen mit Reel-Strategie, Hashtags und Story-Highlights namens Faith , Hustle und Blessed . Christfluencer sind das perfekte Produkt unserer Zeit: Sie nehmen etwas zutiefst Innerliches, Widersprüchliches und Unverfügbares – den Glauben – und pressen es in ein Format, das von messbaren Kennzahlen lebt. Likes, Reichweite, Engagement. Erlösung, aber bitte in 30 Sekunden, Hochformat, mit sanfter Klaviermusik im Hintergrund. Der Glaube als Content-Strategie Was Christfluencer tun, ist nicht einfach „über ihren Glauben sprechen“. Sie vermarkten ihn. Der Glaube wird zum ästhetischen Accessoire, zur Marke, zur Persönlichkeitsschablone. Bibelverse werden aus dem Konte...