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FÄISSBUCK: Das digitale Altersheim der Selbstüberschätzung

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

FÄISSBUCK: Das digitale Altersheim der Selbstüberschätzung


Metas Abschied vom klassischen Faktencheck, der Rückzug aus dem Nachrichtengeschäft und der Druck der EU-Regulierung zeigen, was Facebook politisch geworden ist: kein Forum, sondern eine Infrastruktur für gekränkte Gewissheiten.
Von Ralf Schönert  •  25. August 2026

Facebook wirkt heute wie eine Mischung aus Familienalbum, Leserbriefarchiv und digitalem Stammtisch, nur mit besserem Werbegeschäft. Das politische Problem ist nicht bloß die Unwahrheit. Das eigentliche Problem ist eine Plattform, die Verantwortung gern als Zumutung behandelt und jede Korrektur der eigenen Erregungsökonomie für Zensur hält.

Facebook war einmal das Versprechen einer vernetzten Öffentlichkeit. Heute ist es eher die digitale Tagespflege der Meinung: viel Lautstärke, wenig Selbstzweifel, dazwischen die ewige Gewissheit, dass man es "doch wohl noch sagen dürfen wird". Die Plattform altert nicht nur biologisch mit ihrem Publikum. Sie altert kulturell. Sie konserviert Reflexe, die schon am Wirtshaustisch unerquicklich waren und online nur den Vorteil haben, dass niemand zwischendurch den Aschenbecher leert.

Der Witz an der Sache ist bitter: Ausgerechnet jene Plattform, die sich einst als globaler Marktplatz der Begegnung inszenierte, leidet inzwischen an genau jener Selbstüberschätzung, die sie millionenfach belohnt. Jeder hält sich für Sender, kaum jemand für Adressat. Fakten erscheinen dort nicht als gemeinsamer Boden, sondern als unhöfliche Unterbrechung des eigenen Sendebewusstseins. Man könnte es Narzissmus nennen. Facebook nennt es gern einfach "Voice".

Die Plattform will nicht mehr Schiedsrichter sein

Meta kündigte im Januar 2025 an, das externe Faktencheck-Programm in den USA zu beenden und stattdessen auf Community Notes zu setzen; seit April 2025 werden diese Hinweise dort auf Facebook, Instagram und Threads schrittweise sichtbar. Das wurde als Befreiung von angeblicher Bevormundung verkauft. Tatsächlich war es vor allem ein Bekenntnis: Die Plattform möchte die Folgen politischer Kommunikation gern monetarisieren, aber ihre Einordnung möglichst outsourcen.

Ganz neu war diese Scheu vor Verantwortung nie. Bereits 2019 erklärte Facebook ausdrücklich, Politikerinnen und Politiker von seinem Drittanbieter-Faktencheck auszunehmen. Der demokratische Diskurs, so die Firmenphilosophie, solle nicht von der Plattform "refereed" werden. Praktisch bedeutete das: Reichweite zuerst, Nachprüfung später, falls überhaupt. Der Schiedsrichter wollte nie pfeifen; er wollte nur die Eintrittskarten verkaufen.

Facebook ist keine beschädigte Öffentlichkeit mehr, sondern ihr bequem möbliertes Ausweichquartier.

Nachrichten stören nur beim Scrollen

Dazu passt der Rückzug aus dem Nachrichtengeschäft. Meta strich die Facebook-News-Fläche in Deutschland, Frankreich und Großbritannien bereits Ende 2023 und erklärte gleich selbst, Menschen kämen nicht wegen Nachrichten und Politik auf die Plattform; Nachrichten machten weltweit weniger als drei Prozent dessen aus, was Nutzerinnen und Nutzer im Feed sehen. Das ist die seltene Ehrlichkeit eines Konzerns, der versehentlich die Wahrheit gesagt hat.

Politisch ist das hochinteressant. Facebook möchte von den Konflikten der Welt profitieren, aber nicht mehr den Anschein erwecken, für Öffentlichkeit zuständig zu sein. Journalismus ist mühsam, weil er prüft, gewichtet, widerspricht. Die Kommentarspalte ist billiger. So wird aus dem sozialen Netzwerk keine Agora, sondern ein Wohnzimmer voller Leute, die ihren eigenen Kettenbrief für eine Erkenntnistheorie halten. Ein Land regiert man damit nicht. Vergiften kann man es schon.

Europa besteht auf der Zumutung Realität

In der EU ist diese Gemütlichkeit immerhin regulatorisch gestört. Facebook und Instagram stehen als sehr große Online-Plattformen unter verschärfter Aufsicht des Digital Services Act; die Kommission führt dazu seit 2024 Verfahren und verzeichnete 2025 vorläufige Befunde zu Transparenz- und Beschwerdemechanismen. Das ist keine Marotte Brüsseler Bürokratie, sondern der nüchterne Versuch, Infrastrukturmacht endlich wie Macht zu behandeln.

Besonders unerquicklich für die Freiheitslyriker vom Silicon-Valley-Stammtisch: Die EU betont ausdrücklich, der DSA verlange nicht die Entfernung rechtmäßiger Inhalte, sondern wirksame Verfahren gegen illegale Inhalte und systemische Risiken. Anders gesagt: Niemand verbietet Onkel Dieter seine Meinung. Man verlangt nur, dass eine Plattform mit Hunderten Millionen Nutzerinnen und Nutzern nicht so tut, als sei Verantwortung eine Form totalitärer Feinkost.

Mein Fazit

Facebook ist nicht deshalb unerquicklich, weil dort Menschen irren. Irrtum gehört zur Demokratie. Unerträglich wird die Sache, wenn eine Plattform den Irrtum systematisch aufbläst, journalistische Zumutung zurückbaut und jede Korrektur als Beleidigung der Freiheit aufführt. Der Faktencheck ist dabei nicht die Lösung aller Probleme. Aber seine Verachtung ist längst Teil des Problems. FÄISSBUCK ist am Ende kein digitales Dorf, sondern das Pflegeheim einer Öffentlichkeit, die sich selbst zu oft für ihren klügsten Bewohner hält.

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