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„Mehr Arbeit, mehr Wohlstand?“ Warum Friedrich Merz’ Leistungsdogma aus der Zeit gefallen ist

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

„Mehr Arbeit, mehr Wohlstand?“ Warum Friedrich Merz’ Leistungsdogma aus der Zeit gefallen ist


Die Debatte über Arbeitszeit und Teilzeit verengt ein strukturelles Problem auf eine moralische Formel: Nicht die bloße Menge an Arbeit entscheidet heute über Wohlstand, sondern Produktivität, Infrastruktur und soziale Voraussetzungen.
Von Ralf Schönert  •  29. Juni 2026

Friedrich Merz hat die Debatte zugespitzt: Weniger „Lifestyle-Teilzeit“, mehr Arbeit, sonst sei der Wohlstand des Landes nicht zu halten. Das klingt entschlossen, greift aber analytisch zu kurz. Denn in einer alternden, hochindustrialisierten und zugleich digitalisierten Gesellschaft lässt sich ökonomische Stärke nicht mehr mit der schlichten Verlängerung von Arbeitszeit verwechseln.

Die Formel ist politisch eingängig, weil sie an ein vertrautes Nachkriegsmotiv anschließt: Wohlstand als Ergebnis von Fleiß, Disziplin und Leistung. Tatsächlich gehört dieses Narrativ tief zur Bundesrepublik. Doch die heutige Lage ist komplexer. Deutschland leidet nicht primär an zu wenig Bereitschaft zur Arbeit, sondern an schwacher Produktivitätsdynamik, Investitionsstau, Fachkräfteengpässen, infrastrukturellen Defiziten und einer Arbeitswelt, in der Betreuung, Pflege und Qualifizierung längst zu zentralen ökonomischen Faktoren geworden sind.

Wer diese strukturellen Probleme moralisch auflädt, verschiebt die Perspektive. Aus einer Frage wirtschaftlicher Modernisierung wird dann eine Frage individueller Haltung. Genau darin liegt die Schwäche des Leistungsdogmas. Es benennt einen Teil der Wirklichkeit, aber es verwechselt Ursache und Wirkung.

Die alte Sprache der Arbeitsgesellschaft

Merz knüpft an ein konservatives Wohlstandsverständnis an, das Arbeit vor allem als Pflicht und gesellschaftliche Wertschöpfung als Resultat persönlicher Anstrengung deutet. Historisch war das einmal plausibel. In der fordistischen Industriegesellschaft ließen sich Produktionszuwächse tatsächlich oft mit mehr Arbeitszeit, höherer Auslastung und disziplinierter Erwerbsbiografie verbinden.

Im 21. Jahrhundert ist diese Logik nur noch begrenzt tragfähig. Wertschöpfung entsteht heute weit stärker durch Technologie, Organisation, Qualifikation und Kapitalintensität. Selbst offizielle Daten zeigen, dass Deutschland zwar sehr viele Erwerbstätige hat, die wirtschaftliche Dynamik aber schwach bleibt. Mehr Stunden allein lösen dieses Problem nicht, wenn Produktivität, Innovation und öffentliche Infrastruktur hinterherhinken.

Wohlstand entsteht in einer modernen Volkswirtschaft nicht durch moralischen Druck auf Beschäftigte, sondern durch die kluge Verbindung von Arbeit, Produktivität und sozialer Infrastruktur.

Teilzeit ist kein bloßes Mentalitätsproblem

Besonders sichtbar wird die Engführung in der Debatte über Teilzeit. Wer Teilzeit pauschal als Ausdruck nachlassender Leistungsbereitschaft beschreibt, blendet aus, dass sie in Deutschland oft mit familiären Pflichten, Pflegeverantwortung und ungleichen Geschlechterrollen zusammenhängt. Dass Frauen weiterhin weit häufiger in Teilzeit arbeiten als Männer, ist kein kultureller Nebenaspekt, sondern ein Hinweis auf strukturelle Defizite.

Wer also ernsthaft mehr Erwerbsarbeit will, muss über Kitas, Ganztagsschulen, Pflegeangebote, Weiterbildung, bessere Arbeitsorganisation und verlässliche Mobilität sprechen. Ohne diese Voraussetzungen bleibt der Ruf nach „mehr Arbeit“ politisch bequem, aber praktisch folgenarm. Er verschiebt die Last auf Einzelne, statt die Bedingungen zu verändern, unter denen Arbeit überhaupt ausgeweitet werden kann.

Das eigentliche Problem heißt Produktivität

Die wirtschaftspolitische Kernfrage lautet deshalb nicht: Arbeiten die Deutschen zu wenig? Sie lautet: Warum verwandelt sich vorhandene Arbeit nicht stärker in zukunftsfähige Wertschöpfung? Die Antwort führt zu Digitalisierungslücken, einem trägen Staat, schwachen privaten und öffentlichen Investitionen sowie einer Industrie, die mitten in der Transformation unter hohem Anpassungsdruck steht.

Gerade darin wirkt Merz’ Leistungsdogma aus der Zeit gefallen. Es spricht die Sprache der Mangelgesellschaft, obwohl Deutschland vor allem ein Modernisierungsproblem hat. Nicht die Verlängerung des Arbeitstags ist die zentrale nationale Aufgabe, sondern die Erneuerung der Voraussetzungen, unter denen Arbeit produktiv, qualifiziert und sozial tragfähig wird.

Mein Fazit

Friedrich Merz’ Formel vom Wohlstand durch Mehrarbeit besitzt politische Wucht, aber geringe Erklärungskraft. Sie moralisiert ein Strukturproblem und unterschätzt den Wandel von Wirtschaft und Gesellschaft. Eine tragfähige Wohlstandspolitik des Jahres 2026 müsste nicht vor allem mehr Arbeitsdisziplin fordern, sondern bessere Bedingungen für produktive, qualifizierte und vereinbare Arbeit schaffen. Erst dann wird aus dem Appell zur Leistung eine realistische Politik.

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