Direkt zum Hauptbereich

Warum Reiche und Spahn für die CDU zum Risiko werden

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

Warum Reiche und Spahn für die CDU zum Risiko werden


Mit Katherina Reiche und Jens Spahn stehen zwei prominente CDU-Gesichter für einen Kurs, der der Partei Macht sichern soll, aber ihre Stellung als bürgerliche Mittepartei untergraben kann.
Von Ralf Schönert  •  5. September 2026

Die CDU war stark, solange sie wirtschaftliche Vernunft, soziale Rücksicht und demokratische Verlässlichkeit miteinander verband. Gefährlich wird es für sie dort, wo sie entweder als Partei privilegierter Interessen erscheint oder in der Auseinandersetzung mit der AfD jene politische Eindeutigkeit verliert, die eine Volkspartei der Mitte braucht.

Jens Spahn führt die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Katherina Reiche ist seit Mai 2025 Bundesministerin für Wirtschaft und Energie. Beide stehen also nicht am Rand, sondern im Zentrum des unionsgeführten Machtapparats. Gerade deshalb ist ihre politische Wirkung größer als ihr jeweiliges Ressort oder Amt.

Das Problem ist dabei weniger persönlicher Natur als strategischer Art. Reiche und Spahn verkörpern zwei Versuchungen der CDU, die sich wechselseitig verstärken können: die Verengung auf wirtschaftsnahe Milieus einerseits und die kalkulierte Verschiebung demokratischer Grenzmarken andererseits. Beides mag kurzfristig entschlossen wirken. Langfristig schwächt es das, was die CDU historisch erfolgreich gemacht hat: ihre Fähigkeit, bürgerliche Breite glaubwürdig zu organisieren.

Das Problem der Repräsentation

Katherina Reiche bringt Regierungserfahrung mit, aber auch eine Biografie, die politisch heikel ist. In ihrem offiziellen Lebenslauf steht nicht nur ihre frühere Parlaments- und Staatssekretärsarbeit, sondern ebenso ihre Tätigkeit als Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG von 2020 bis 2025. Genau diese Nähe zur Energie- und Unternehmenswelt macht sie für eine Partei riskant, die gesellschaftlich breiter erscheinen muss als wirtschaftlich einseitig.

Hinzu kommt die Symbolik ihrer Wirtschaftspolitik. Die schwarz-rote Koalition hat 2026 das Heizungsgesetz grundlegend umgebaut; Deutschlandfunk berichtete über die Abschaffung der 65-Prozent-Regel und darüber, dass die Union diesen Kurs offensiv als Rückkehr zu größerer Wahlfreiheit verkauft. Politisch mobilisiert das Eigentümer und konservative Milieus. Aber es vertieft zugleich den Eindruck, dass die CDU vor allem jene beruhigen will, die schon über Eigentum, Kapital oder Verhandlungsmacht verfügen.

Eine Volkspartei verliert ihre Mitte nicht erst dann, wenn sie Wahlen verliert, sondern dann, wenn sie gesellschaftliche Balance gegen politische Zuspitzung eintauscht.

Spahns gefährliches Kalkül

Jens Spahn liegt das andere Risiko in der Hand: die Normalisierung der AfD im parlamentarischen Umgang. Deutschlandfunk dokumentierte bereits 2025, dass Spahn dafür plädierte, die AfD im Bundestag wie andere Oppositionsfraktionen zu behandeln. Solche Vorstöße mögen verfahrenstechnisch nüchtern klingen. Politisch senden sie jedoch ein Signal, das weit über Geschäftsordnungsfragen hinausreicht.

Besonders problematisch ist, dass die AfD diese Verschiebung sofort als Bestätigung liest. AfD-Chef Tino Chrupalla begrüßte Spahns Vorstoß im Deutschlandfunk ausdrücklich als „richtig und wichtig“. Damit wird sichtbar, worin die Gefahr besteht: Nicht in einer formalen Kooperation, sondern in der politischen Entwertung der Distanz. Eine Partei wie die CDU kann an den Rändern nur verlieren, wenn sie unklar werden lässt, wo ihre demokratische Trennlinie verläuft.

Die alte Stärke der Union steht auf dem Spiel

Historisch war die CDU immer dann erfolgreich, wenn sie mehr war als ein Interessenverband des Besitzbürgertums und mehr als ein Resonanzraum für rechte Stimmungspolitik. Adenauer band das katholische Milieu, Kohl verband Wohlstandsversprechen mit europäischer Stabilität, Merkel hielt die Partei lange in der politischen Mitte. Der gemeinsame Nenner war nicht ideologische Schärfe, sondern Integrationskraft.

Reiche und Spahn stehen dem entgegen für zwei verschiedene, aber kompatible Verengungen: hier die Nähe zu ökonomischen Eliten, dort die Neigung zur symbolischen Grenzverschiebung nach rechts. Für eine moderne konservative Partei ist beides riskant. Denn die CDU braucht nicht mehr Profil um jeden Preis, sondern Vertrauen in ihre Urteilskraft, Maßhaltung und demokratische Selbstbindung.

Mein Fazit

Gefährlich sind Reiche und Spahn für die CDU nicht, weil sie prominent oder konfliktfreudig wären. Gefährlich sind sie, weil sie zwei Schwächen der Partei freilegen: die Versuchung, gesellschaftliche Mehrheiten mit marktwirtschaftlicher Eindeutigkeit zu verwechseln, und den Irrtum, der rechte Rand lasse sich durch rhetorische Annäherung bändigen. Eine Volkspartei der Mitte überlebt jedoch nur, wenn sie beides verweigert.

Hinweis für Redaktionen und Blogbetreiber
Wenn Sie diesen Beitrag informativ finden, dürfen Sie ihn gerne zitieren oder verlinken.
Ich freue mich über jede Weiterverbreitung und sachliche Diskussion.
Bitte geben Sie bei Übernahme die Quelle an: meinekommentare.blogspot.com
*Hinweis gemäß Art. 52 DSA (Digital Services Act der EU) – seit 01.08.2025 verpflichtend: Das verwendete Bild- und Grafikmaterial ist KI-generiert. Ausnahmen sind unter dem jeweiligen Objekt gekennzeichnet.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zitate: Arthur Schopenhauer und der Nationalstolz – Biografie und Deutung eines kritischen Gedankens

Arthur Schopenhauer (1788–1860) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Geboren in Danzig als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, verbrachte er seine Kindheit in Hamburg und studierte später Philosophie in Göttingen und Berlin. Früh beeinflusst durch Kant, entwickelte er eine eigene metaphysische Weltsicht, die stark vom indischen Denken sowie dem Pessimismus geprägt war. Sein Hauptwerk, Die Welt als Wille und Vorstellung (1819), wurde zunächst kaum beachtet, erlangte aber später große Wirkung, insbesondere auf Philosophen wie Nietzsche und Künstler wie Wagner oder Thomas Mann. Schopenhauer lebte zeitweise in Weimar, Frankfurt am Main und Italien und führte ein zurückgezogenes Leben, geprägt von kritischer Beobachtung der Gesellschaft. In seinem Spätwerk Parerga und Paralipomena (1851), einer Sammlung von Essays und Aphorismen, formuliert er diesen berühmten Gedanken. Diese Aussage ist eine scharfe Kritik an einer Haltung, die Schopenhauer als int...

Oh Gott, die Isländer haben die Beitrittsverhandlungen zur EU abgelehnt. Werden jetzt die Preise für eingelegten Hering ins Unermessliche steigen?

Es ist passiert. Island hat die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen abgelehnt. Europa taumelt. Die Märkte zittern.  Und irgendwo in einem Edeka in Niedersachsen steht ein Rentner namens Horst vor dem Kühlregal und hält drei Gläser Bismarckhering an die Brust. „Die kriegt ihr nicht“, sagt er. Zu niemandem. Noch.  Der Heringsschock von 2026 Natürlich behaupten sogenannte Fachleute, die Entscheidung Islands werde nicht unmittelbar zu einer Verknappung von eingelegtem Hering führen. Fachleute sagen so etwas immer kurz vor dem Zusammenbruch einer Zivilisation. „Es gibt keinen Grund zur Panik.“ „Die Lieferketten sind stabil.“ „Der Hering ist ausreichend verfügbar.“ Das haben die Römer vermutlich auch über Garum gesagt. Und wo ist Rom heute? Ruinen. Denken Sie darüber nach.  Der Nordatlantik schließt. Nach unbestätigten Berichten hat Island bereits begonnen, sämtliche Heringe zu zählen. Jeder Fisch erhält eine Nummer. Besonders große Exemplare zusätzli...

Schwarze Löcher - Die CDU im Jahre 2025 – Eine Reise ins konservative Niemandsland

Noch ist es 2025. Friedrich Merz steht immer noch an der Spitze der CDU, oder sagen wir lieber: Er sitzt da, wie ein Chefarzt auf einer Station, auf der nur noch Placebos verteilt werden. Der Mann, der einst versprach, die Partei „zu alter Stärke“ zurückzuführen, steht nun mit einem Bein im Faxgerät und dem anderen im Aktienportfolio. Die CDU, das ist jetzt nicht mehr die „Partei der Mitte“, sondern eher der Parteitag der Mitte-Links-gegen-Mitte-Rechts-gegen-Mitte-Mitte. Merz selbst wirkt wie ein schlecht gelaunter Sparkassenberater, der dem Land erklärt, warum es gut ist, wenn keiner mehr weiß, wofür die CDU steht. Die „neue Klarheit“ besteht vor allem aus nostalgischem Nebel und neoliberaler Schonkost. Im Bundestag murmelt man inzwischen ehrfürchtig, die CDU wolle wieder „regierungsfähig“ werden. Das ist süß. Wie ein Vierjähriger, der behauptet, er werde Astronaut – obwohl er panische Angst vor der Badewanne hat. Merz ruft nach Ordnung, Leistung und Eigenverantwortung – also allem,...