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Vom Bergbau zur Bedeutungslosigkeit

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

Vom Bergbau zur Bedeutungslosigkeit


Schalke 04 und die SPD erzählen auf unterschiedliche Weise vom Verlust alter Milieus, vertrauter Bindungen und politischer Selbstgewissheit.
Von Ralf Schönert  •  15. September 2026

Schalke 04 und die SPD sind keine beliebigen Institutionen. Beide waren über Jahrzehnte Teil einer Ruhrgebietsidentität, die Arbeit, Solidarität, Stolz und Aufstieg miteinander verband. Ihre Krise ist deshalb mehr als sportlicher Misserfolg oder parteipolitische Schwäche. Sie verweist auf den Zerfall eines sozialen Fundaments.

Die Parallele zwischen Schalke 04 und der SPD liegt nicht darin, dass Fußballverein und Partei gleichartig wären. Sie liegt tiefer: Beide lebten lange von einer Bindung, die stärker war als aktuelle Leistung. Schalke war für viele Menschen im Revier nicht nur ein Verein, sondern ein Stück Herkunft. Die SPD war für viele Arbeiterfamilien nicht nur eine Partei, sondern politische Heimat.

Diese Heimat ist brüchig geworden. Der Bergbau, aus dem sich ein erheblicher Teil dieser Identität speiste, ist Geschichte. Mit dem Ende der subventionierten Steinkohlenförderung im Jahr 2018 verschwand nicht nur ein Wirtschaftszweig, sondern auch ein kulturelles Bezugssystem. Was blieb, waren Erinnerungen, Rituale und Institutionen, die nun erklären müssen, warum sie noch gebraucht werden.

Der Verlust des Milieus

Schalke 04 trägt bis heute die Sprache des Bergbaus in seiner Symbolik. Das „Glückauf“ ist mehr als Folklore; es verweist auf eine Welt gemeinsamer Arbeit, gemeinsamer Gefahr und gemeinsamer Anerkennung. Doch Tradition allein gewinnt keine Spiele, saniert keine Finanzen und ersetzt keine tragfähige sportliche Strategie.

Ähnlich ergeht es der Sozialdemokratie. Auch sie kann sich nicht dauerhaft aus der Erinnerung an alte Stärke legitimieren. Ihre großen Erzählungen – Arbeiterbewegung, Mitbestimmung, sozialer Aufstieg, Bildungsversprechen – bleiben historisch bedeutend. Aber sie überzeugen nur dann neu, wenn sie auf heutige Unsicherheiten antworten: Wohnen, Pflege, Tarifbindung, Digitalisierung, Migration, Klimawandel und die Angst vor sozialem Abstieg.

Wer nur die eigene Vergangenheit beschwört, verwandelt Herkunft in Museum und Bindung in Erinnerung.

Wenn Loyalität nicht mehr trägt

Schalke verfügt weiterhin über eine außergewöhnliche Anhängerschaft. Gerade das macht die Krise so sichtbar. Die Fans bleiben, aber sie können die strukturellen Probleme nicht allein auffangen. Emotionale Treue ist ein Kapital, doch sie wird verbraucht, wenn Führung, Professionalität und Perspektive dauerhaft hinter dem Anspruch zurückbleiben.

Auch die SPD konnte lange auf eine treue Stammwählerschaft bauen. Doch die klassische Milieubindung ist schwächer geworden. Arbeiter wählen nicht mehr automatisch sozialdemokratisch, Stadtgesellschaften sind pluraler geworden, und politische Loyalität entsteht heute weniger durch Herkunft als durch glaubwürdige Problemlösung. Das ist keine moralische Verfehlung der Wähler, sondern ein Strukturwandel der Demokratie.

Die Gefahr der nostalgischen Selbsttäuschung

Die tragische Gemeinsamkeit besteht darin, dass beide Institutionen leicht in die Versuchung geraten, ihre Bedeutung mit ihrer Geschichte zu verwechseln. Schalke war groß, weil es Teil eines sozialen Gefüges war. Die SPD war stark, weil sie gesellschaftliche Interessen organisieren und in politische Macht übersetzen konnte. Beides ist heute nicht mehr selbstverständlich.

Bedeutungslosigkeit beginnt nicht erst dort, wo niemand mehr hinsieht. Sie beginnt dort, wo eine Institution zwar noch bekannt ist, aber nicht mehr als handlungsfähig gilt. Für Schalke heißt das: sportliche und wirtschaftliche Erneuerung müssen mehr sein als Durchhalteparolen. Für die SPD heißt es: soziale Demokratie muss wieder als konkrete Schutz- und Gestaltungsform erfahrbar werden.

Mein Fazit

Schalke 04 und die SPD stehen für eine alte Würde des Ruhrgebiets: Arbeit, Zusammenhalt, Aufstiegshoffnung und Stolz. Doch Würde ersetzt keine Zukunftsstrategie. Wer aus der Krise herauskommen will, muss die eigene Herkunft ernst nehmen, ohne sich in ihr einzurichten. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie man die Vergangenheit bewahrt, sondern wie aus ihr wieder Gegenwartskraft entsteht.

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