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Neues aus der D(S)achs(aden-Anstalt): Früher war sogar die schlechte Statistik besser

Von Ralf Schönert ·

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT


Die AfD verklärt in Sachsen-Anhalt die 1990er- und 2000er-Jahre zum verlorenen Paradies. Dummerweise erinnern sich die Zahlen weniger romantisch.
Von Ralf Schönert  •  7. September 2026

Nostalgie besitzt einen unschlagbaren politischen Vorteil: Die Vergangenheit kann sich nicht mehr wehren. In Sachsen-Anhalt wird daraus gerade ein Regierungsprogramm in Sepia – mit Sicherheit, Freiheit und Ordnung aus einer Zeit, deren reale Kennzahlen erstaunlich wenig Sehnsuchtspotenzial besitzen.

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund warb im Wahlkampf für ein „altes, sicheres Deutschland“ und verwies ausdrücklich auf die 1990er- und 2000er-Jahre. Einen Tag nach der Landtagswahl ist das keine folkloristische Randnotiz mehr: Die AfD gewann nach vorläufigem Endergebnis 43,8 Prozent der Stimmen.

Das Versprechen funktioniert, weil politische Nostalgie keine Jahresberichte liest. Sie erinnert sich an Simson, D-Mark und übersichtliche Fernsehprogramme, während Massenarbeitslosigkeit, Abwanderung und gesellschaftliche Verwerfungen diskret hinter dem mentalen Wohnzimmerschrank verschwinden.

Sicherheit mit eingebautem Rückwärtsgang

Im Jahr 2000 registrierte die Polizei in Sachsen-Anhalt 247.044 Straftaten; 2025 waren es 172.776. Schon 1995 hatte die Zahl mit 319.665 Fällen noch erheblich höher gelegen. Die PKS ist kein vollständiges Abbild realer Kriminalität, doch als Beleg für eine besonders sichere gute alte Zeit eignet sie sich ungefähr so gut wie ein Autounfall für eine Werbung der Verkehrswacht.

Natürlich sagen Gesamtzahlen nicht alles über Gewalt, Tatgruppen, Dunkelfeld oder individuelles Sicherheitsgefühl. Gerade deshalb wäre seriöse Politik verpflichtet, Unterschiede zu erklären. Nostalgiepolitik erledigt das eleganter: Sie ersetzt Analyse durch Erinnerung und Erinnerung durch Kulisse.

Wer die Vergangenheit zum Paradies erklärt, muss vor allem hoffen, dass niemand die Statistik im Keller findet.

Arbeit war früher auch schöner weg

Noch unfreundlicher benimmt sich der Arbeitsmarkt gegenüber der Legende. Um das Jahr 2000 lag die Arbeitslosenquote Sachsen-Anhalts bei rund 20 Prozent; im August 2026 betrug sie 8,2 Prozent. Das aktuelle Niveau ist angesichts schwacher Konjunktur keineswegs erfreulich, aber zur goldenen Ära taugt der historische Vergleich nur mit sehr kräftigem Weichzeichner.

Hinter der Sehnsucht stehen dennoch reale Erfahrungen: Strukturwandel, demografischer Verlust, schlechte Infrastruktur und das Gefühl, politische Entscheidungen würden anderswo getroffen. Wer diese Probleme mit Statistik allein beantwortet, verwechselt einen Faktencheck mit Sozialpolitik. Wer sie aber in eine erfundene Vergangenheit zurückprojiziert, verkauft Schmerz als Souvenir.

Erinnerung ist noch kein Regierungsprogramm

Die politische Aufgabe wäre deshalb nicht, Menschen ihre Erinnerungen auszureden. Sie bestünde darin, Sicherheit, gute Arbeit, öffentliche Infrastruktur und gesellschaftliche Teilhabe heute konkret zu verbessern – dieser lästige moderne Ansatz, bei dem Regieren mehr verlangt als das Zurückdrehen eines imaginären Kalenderblatts.

Eine links-liberale Antwort auf rechte Nostalgie sollte weder Gegenwart schönreden noch Vergangenheit romantisieren. Fortschritt ist schließlich keine Behauptung, sondern eine Verpflichtung: Bewahren, was besser geworden ist, und reparieren, was tatsächlich schlechter läuft.

Mein Fazit

Sachsen-Anhalt hat genügend gegenwärtige Probleme, um keine historischen erfinden zu müssen. Wer ausgerechnet höhere Kriminalität und Massenarbeitslosigkeit zur Hintergrundtapete eines verlorenen Paradieses macht, bietet keine Rückkehr zur Sicherheit. Er bietet Erinnerungspolitik mit Rückgaberecht – leider erst nach der Wahl.

Meine Quellen
Meine Website
https://polizei.sachsen-anhalt.de/kriminalitaet-und-praevention/statistiken-jahresberichte
https://genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/13211/table/13211-0007
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Über den Autor

Ralf Schönert

Autor und Historiker, kommentiert aktuelle Politik mit historischer Tiefe und analytischer Klarheit. Mit Leidenschaft für die Dinge, die bleiben, wenn der Lärm der Tagespolitik verklungen ist.

„Meine Kommentare“ verbindet politische Standpunkte, historische Einordnung und Satire. Die Textsorte steht jeweils am Anfang des Beitrags.