Nostalgie besitzt einen unschlagbaren politischen Vorteil: Die Vergangenheit kann sich nicht mehr wehren. In Sachsen-Anhalt wird daraus gerade ein Regierungsprogramm in Sepia – mit Sicherheit, Freiheit und Ordnung aus einer Zeit, deren reale Kennzahlen erstaunlich wenig Sehnsuchtspotenzial besitzen.
AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund warb im Wahlkampf für ein „altes, sicheres Deutschland“ und verwies ausdrücklich auf die 1990er- und 2000er-Jahre. Einen Tag nach der Landtagswahl ist das keine folkloristische Randnotiz mehr: Die AfD gewann nach vorläufigem Endergebnis 43,8 Prozent der Stimmen.
Das Versprechen funktioniert, weil politische Nostalgie keine Jahresberichte liest. Sie erinnert sich an Simson, D-Mark und übersichtliche Fernsehprogramme, während Massenarbeitslosigkeit, Abwanderung und gesellschaftliche Verwerfungen diskret hinter dem mentalen Wohnzimmerschrank verschwinden.
Sicherheit mit eingebautem Rückwärtsgang
Im Jahr 2000 registrierte die Polizei in Sachsen-Anhalt 247.044 Straftaten; 2025 waren es 172.776. Schon 1995 hatte die Zahl mit 319.665 Fällen noch erheblich höher gelegen. Die PKS ist kein vollständiges Abbild realer Kriminalität, doch als Beleg für eine besonders sichere gute alte Zeit eignet sie sich ungefähr so gut wie ein Autounfall für eine Werbung der Verkehrswacht.
Natürlich sagen Gesamtzahlen nicht alles über Gewalt, Tatgruppen, Dunkelfeld oder individuelles Sicherheitsgefühl. Gerade deshalb wäre seriöse Politik verpflichtet, Unterschiede zu erklären. Nostalgiepolitik erledigt das eleganter: Sie ersetzt Analyse durch Erinnerung und Erinnerung durch Kulisse.
Wer die Vergangenheit zum Paradies erklärt, muss vor allem hoffen, dass niemand die Statistik im Keller findet.
Arbeit war früher auch schöner weg
Noch unfreundlicher benimmt sich der Arbeitsmarkt gegenüber der Legende. Um das Jahr 2000 lag die Arbeitslosenquote Sachsen-Anhalts bei rund 20 Prozent; im August 2026 betrug sie 8,2 Prozent. Das aktuelle Niveau ist angesichts schwacher Konjunktur keineswegs erfreulich, aber zur goldenen Ära taugt der historische Vergleich nur mit sehr kräftigem Weichzeichner.
Hinter der Sehnsucht stehen dennoch reale Erfahrungen: Strukturwandel, demografischer Verlust, schlechte Infrastruktur und das Gefühl, politische Entscheidungen würden anderswo getroffen. Wer diese Probleme mit Statistik allein beantwortet, verwechselt einen Faktencheck mit Sozialpolitik. Wer sie aber in eine erfundene Vergangenheit zurückprojiziert, verkauft Schmerz als Souvenir.
Erinnerung ist noch kein Regierungsprogramm
Die politische Aufgabe wäre deshalb nicht, Menschen ihre Erinnerungen auszureden. Sie bestünde darin, Sicherheit, gute Arbeit, öffentliche Infrastruktur und gesellschaftliche Teilhabe heute konkret zu verbessern – dieser lästige moderne Ansatz, bei dem Regieren mehr verlangt als das Zurückdrehen eines imaginären Kalenderblatts.
Eine links-liberale Antwort auf rechte Nostalgie sollte weder Gegenwart schönreden noch Vergangenheit romantisieren. Fortschritt ist schließlich keine Behauptung, sondern eine Verpflichtung: Bewahren, was besser geworden ist, und reparieren, was tatsächlich schlechter läuft.
Mein Fazit
Sachsen-Anhalt hat genügend gegenwärtige Probleme, um keine historischen erfinden zu müssen. Wer ausgerechnet höhere Kriminalität und Massenarbeitslosigkeit zur Hintergrundtapete eines verlorenen Paradieses macht, bietet keine Rückkehr zur Sicherheit. Er bietet Erinnerungspolitik mit Rückgaberecht – leider erst nach der Wahl.
https://polizei.sachsen-anhalt.de/kriminalitaet-und-praevention/statistiken-jahresberichte
https://genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/13211/table/13211-0007
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