Markus Krall und das Wahlrecht: Warum der Entzug für Transferbezieher verfassungswidrig und demokratieschädlich ist
Markus Krall und das Wahlrecht: Warum der Entzug für Transferbezieher verfassungswidrig und demokratieschädlich ist
Wer das Stimmrecht an ökonomische Nützlichkeit bindet, greift nicht nur den Sozialstaat an, sondern den verfassungsrechtlichen Kern der politischen Gleichheit.
Markus Krall hat die Debatte selbst angestoßen: In eigenen Texten und öffentlichen Auftritten verknüpft er das Wahlrecht mit der Frage, ob jemand staatliche Transfers bezieht. Genau daran zeigt sich, wie schnell aus marktradikaler Polemik eine antidemokratische Ordnungsidee wird. Das Grundgesetz schützt die Wahl gerade davor, Bürger nach Einkommen, Bedürftigkeit oder fiskalischer Nützlichkeit zu sortieren.
Auf den ersten Blick wirkt Kralls Vorstoß wie eine weitere kalkulierte Provokation aus dem rechtslibertären Milieu. Auf den zweiten Blick berührt er jedoch einen Grundsatz, der für jede Demokratie entscheidend ist: Das Wahlrecht gehört dem Staatsbürger, nicht dem Steuerzahler. Wer es an ökonomische Leistung koppeln will, verschiebt den Maßstab von politischer Gleichheit zu fiskalischer Verwertbarkeit.
Das steht im klaren Gegensatz zur Verfassungsordnung der Bundesrepublik. Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes bestimmt, dass alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht. Artikel 38 Absatz 1 garantiert die Wahl zum Bundestag als allgemein, frei, gleich und geheim; der Bundestag erläutert ausdrücklich, dass das Stimmrecht grundsätzlich unabhängig von Einkommen, Beruf oder politischer Überzeugung besteht.
Das Wahlrecht kennt keinen Steueradel
Der entscheidende Punkt lautet deshalb: Das Grundgesetz kennt kein Wahlrecht nach Vermögen, Besitz oder Netto-Beitragsleistung. „Allgemein“ heißt eben nicht: alle Nützlichen dürfen wählen. Es heißt: alle Wahlberechtigten als politische Gleiche. Eine Ordnung, die Bedürftigkeit oder Transferbezug zum Ausschlusskriterium macht, würde aus dem demokratischen Bürger wieder einen Untertan mit Vorbehalt machen.
Auch das einfache Recht spricht eine eindeutige Sprache. Nach § 13 Bundeswahlgesetz und der Erläuterung der Bundeswahlleiterin ist vom Wahlrecht nur ausgeschlossen, wer es infolge Richterspruchs nicht besitzt. Diese Aberkennung ist auf wenige, gesetzlich genau definierte Ausnahmefälle begrenzt. Armut, Arbeitslosigkeit, BAföG-Bezug oder sonstige Transferabhängigkeit gehören gerade nicht dazu.
Wer das Wahlrecht an den Kontostand koppeln will, ersetzt den Staatsbürger durch den Steuerzahler und macht aus Demokratie ein Besitzprivileg.
Karlsruhe argumentiert in die entgegengesetzte Richtung
Aufschlussreich ist zudem die Entwicklung der letzten Jahre. Das Bundesverfassungsgericht erklärte 2019 weitergehende Wahlrechtsausschlüsse für verfassungswidrig; der Gesetzgeber änderte daraufhin das Bundeswahlgesetz. Die Tendenz der Verfassungsordnung ist also nicht Ausschluss, sondern Erweiterung und Absicherung politischer Teilhabe. Wenn selbst frühere Ausschlüsse gegenüber besonders schutzbedürftigen Gruppen keinen Bestand hatten, gilt das erst recht für pauschale Ausschlüsse nach sozialem Status.
Damit wird auch der rechtsstaatliche Maßstab sichtbar: Wahlrechtsentzug ist in Deutschland kein politisches Disziplinierungsinstrument gegen missliebige Gruppen, sondern allenfalls eine eng begrenzte, individualisierte Rechtsfolge schwerer Delikte oder richterlicher Entscheidungen. Kralls Modell kehrt dieses Prinzip um. Es würde Millionen Menschen nicht wegen schuldhaften Handelns, sondern wegen ihrer sozialen Lage herabstufen.
Demokratieschädlich schon vor jeder Verfassungsänderung
Politisch ist die Idee nicht minder problematisch. „Transferbezieher“ sind keine randständige Gegenwelt, sondern ein Sammelbegriff für sehr unterschiedliche Lebenslagen: Studierende, Arbeitslose, Bedürftige, Alleinerziehende, Menschen in Krisen oder in subventionierten Strukturen. Wer ihnen das Wahlrecht abspricht, erklärt große Teile der Gesellschaft zu Bürgern zweiter Ordnung und beschädigt den Gedanken, dass Demokratie die gemeinsame Ordnung aller ist.
Hinzu kommt ein tieferer Schaden. Sobald politische Zugehörigkeit an fiskalische Selbständigkeit gebunden wird, verändert sich der Charakter des Gemeinwesens. Soziale Rechte erscheinen dann nicht mehr als Ausdruck demokratischer Solidarität, sondern als Makel, der zur politischen Entmündigung führt. Aus dem Sozialstaat würde schleichend ein Staat des Misstrauens, in dem ökonomische Stärke über den Rang der Stimme entscheidet.
Mein Fazit
Kralls Vorstoß ist deshalb mehr als eine schrille Randthese. Er zielt auf den normativen Kern der Republik. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht schützt gerade jene politische Gleichheit, ohne die Volkssouveränität zur Leerformel würde. Wer Transferbezug zum Ausschlussgrund machen will, bekämpft nicht bloß den Sozialstaat, sondern die demokratische Idee selbst. Verfassungsrechtlich wäre das mit der geltenden Ordnung nicht vereinbar; politisch wäre es ein Schritt zurück in ein Denken, das Bürgerrechte nach Besitz sortiert.
https://www.fr.de/meinung/afd-sachsen-arbeitslosengeld-bekommt-soll-nicht-waehlen-duerfen-13566657.html
https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_38.html
https://www.bundeswahlleiterin.de/service/glossar/a/aberkennung-wahlrecht.html
https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2019/01/cs20190129_2bvc006214.html
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