Vom Kanzler zur Karikatur: Wie die CDU ihre Seele an die AfD vermietet
Das eigentliche Problem ist nicht die offene Kooperation, sondern die schleichende Übernahme von Tonlage, Konfliktlogik und Themenhierarchie einer Partei, von der sich die Union offiziell abgrenzt.
Die CDU verliert nicht erst dann ihre politische Mitte, wenn sie mit der AfD paktiert. Sie verliert sie schon dann, wenn sie beginnt, die Wirklichkeit durch deren Begriffe zu ordnen. Der Preis einer solchen Annäherung ist nicht nur taktischer Natur. Er betrifft das Selbstverständnis einer Volkspartei, die einst für Stabilität, Maß und institutionelle Vernunft stand.
Spätestens die Migrationsabstimmungen im Bundestag Ende Januar 2025 haben diesen Wandel sichtbar gemacht. Ein Unionsantrag erhielt am 29. Januar eine Mehrheit, und zwar auch mit Stimmen der AfD; zwei Tage später scheiterte das sogenannte Zustrombegrenzungsgesetz zwar knapp, doch das politische Signal war längst gesetzt.
Der eigentliche Befund reicht jedoch tiefer als ein einzelner Abstimmungsvorgang. Wer eine radikale Partei klein halten will, indem er ihre Erregungsökonomie, ihre Zuspitzungen und ihre Prioritäten übernimmt, stärkt meist nicht die demokratische Mitte, sondern das Original. Die Kopie wirkt entschlossener als die Regierung, aber unglaubwürdiger als der Agitator.
Der Moment der Grenzverschiebung
Die Union konnte darauf verweisen, dass der Antrag vom 29. Januar rechtlich nicht bindend war und der Gesetzentwurf vom 31. Januar keine Mehrheit fand. Politisch entscheidend war aber etwas anderes: Erstmals nahm sie im Bund sichtbar in Kauf, dass eine zentrale Initiative nur mit AfD-Stimmen erfolgreich oder beinahe erfolgreich sein konnte. Gerade darin lag die Zäsur.
Das wog besonders schwer, weil die CDU ihre eigene Beschlusslage seit Jahren anders formuliert hatte. In Parteibeschlüssen und Präsidiumserklärungen wurde eine Zusammenarbeit mit der AfD ausdrücklich ausgeschlossen, ausdrücklich auch in indirekter Form. Wer diese Trennlinie selbst aufstellt, kann ihre Verwischung nicht als bloße Geschäftsordnungsfrage behandeln.
Wer die AfD politisch bekämpfen will, darf ihr nicht das Recht überlassen, zu bestimmen, worüber, in welchem Ton und mit welchem Menschenbild dieses Land spricht.
Machttechnik statt Selbstbehauptung
Der Widerspruch wurde nach der Regierungsbildung 2025 nicht kleiner. Die CDU stellt seither den Kanzler in einer Koalition mit der SPD; zugleich betonte Friedrich Merz später erneut, es gebe keine Gemeinsamkeiten mit der AfD. Gerade deshalb fällt auf, wie stark Teile der Unionsrhetorik weiterhin von jener Partei getrieben werden, von der sie sich organisatorisch abgrenzt.
Das ist der Punkt, an dem aus konservativer Politik eine Karikatur ihrer selbst wird. Eine Volkspartei der Mitte lebt von Verlässlichkeit, Differenzierungsvermögen und staatspolitischer Nüchternheit. Wenn sie stattdessen vor allem Härte signalisiert, Daueralarm organisiert und gesellschaftliche Komplexität in ein einziges Konfliktthema presst, verliert sie gerade jene Substanz, die sie von der radikalen Rechten unterscheiden soll.
Die historische Lektion der Mitte
Historisch betrachtet liegt die Gefahr selten zuerst in der formellen Allianz. Sie liegt in der schrittweisen Normalisierung von Denkfiguren. Konservative Parteien beschädigen sich selbst, wenn sie glauben, eine radikale Konkurrenz durch rhetorische Annäherung domestizieren zu können. Meist verlagern sie damit nur den Maßstab des Sagbaren und wirken am Ende zugleich härter und schwächer.
Genau das beschreibt die Metapher von der vermieteten Seele. Die CDU übergibt der AfD nicht notwendigerweise die Schlüssel zur Macht, wohl aber zu oft die Hoheit über Stimmung, Themengewichtung und Feindbildproduktion. Sie bezahlt dafür mit Glaubwürdigkeit. Eine Partei kann vieles korrigieren, aber nur schwer den Eindruck, dass sie ihre Grundsätze situativ zur Verhandlungsmasse erklärt.
Mein Fazit
Die CDU wird nicht deshalb zur Karikatur, weil sie offen AfD-Politik betreibt. Sie gerät in diese Lage, wenn sie das Vokabular der Abgrenzung pflegt, aber die Mechanik der Annäherung praktiziert. Eine demokratische Mitte behauptet sich nicht, indem sie Ressentiments nachspricht, sondern indem sie Probleme löst, ohne den politischen Stil der Radikalen zu übernehmen. Genau daran wird sich entscheiden, ob die Union eine staatstragende Kraft bleibt oder nur noch deren Imitation.
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