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Jeder zweite ein Anti-Demokrat? Was der Sachsen-Anhalt-Monitor wirklich zeigt

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT


Die Studie belegt keine Mehrheit überzeugter Gegner der Demokratie. Sie zeigt jedoch, dass die liberale Demokratie bei vielen Menschen nur bedingt verankert ist.
redaktionell bearbeitet von Ralf Schönert  •  13. August 2026

Kurzthese: Der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 weist nicht die Hälfte der Bevölkerung als Anti-Demokraten aus. Er zeigt vielmehr eine große Gruppe sogenannter fragiler Demokraten, deren Bekenntnis zur liberalen Demokratie mit Offenheit gegenüber autoritären Alternativen verbunden ist.

Warum das wichtig ist: Demokratische Stabilität hängt nicht nur von abstrakter Zustimmung, sondern auch von der klaren Ablehnung autoritärer Alternativen ab.

Lesedauer: etwa 6 Minuten

Themen: Sachsen-Anhalt, Demokratie, Autoritarismus, politische Kultur, Demokratievertrauen

Die Schlagzeile klingt eindeutig: Jeder zweite Bürger in Sachsen-Anhalt sei ein Anti-Demokrat. Doch so eindeutig ist die Datenlage nicht. Der Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 zeichnet ein beunruhigendes, zugleich aber deutlich differenzierteres Bild. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob die Hälfte der Bevölkerung die Demokratie ablehnt, sondern wie fest die liberale Demokratie tatsächlich verankert ist.

Zunächst die wichtigste Korrektur: 87 Prozent der Befragten bezeichnen die Demokratie entschieden oder eher als beste Staatsidee. Von einer Bevölkerung, die sich mehrheitlich grundsätzlich gegen Demokratie wendet, kann also keine Rede sein. Gleichzeitig zeigt die strengere Typologie des Monitors etwas anderes: Nur 43,5 Prozent gelten als „solide Demokraten“. Rund 52 Prozent werden als „fragile Demokraten“ eingeordnet, etwa vier Prozent als Autokraten.

Grundlage ist eine Erhebung mit 1.101 Interviews, die vom 23. Mai bis 14. Juli 2025 telefonisch und online durchgeführt wurde. Abweichungen der Stichprobe von soziodemografischen Merkmalen der Bevölkerung wurden gewichtet. Gerade deshalb lohnt es sich, die Kategorien der Untersuchung genau zu lesen – und aus einer statistischen Typologie keine pauschale Charakterbeschreibung von Millionen Menschen zu machen.

Was „fragile Demokraten“ wirklich bedeutet

Die Unterscheidung ist entscheidend. „Fragile Demokraten“ befürworten die Demokratie grundsätzlich, lehnen aber nicht jede autoritäre Systemalternative eindeutig ab. Zu den abgefragten Alternativen gehören Vorstellungen eines starken Führers, eines Einparteiensystems oder unter bestimmten Umständen einer Diktatur. Das ist etwas anderes als eine geschlossene antidemokratische Haltung – politisch harmlos ist es dennoch nicht.

Der Begriff beschreibt keine feste politische Identität. Er bezeichnet eine widersprüchliche Einstellung: Demokratie ja – aber womöglich nicht unter allen Bedingungen und nicht ausschließlich in ihrer liberalen, pluralistischen Form. Gerade darin liegt der eigentliche Warnhinweis der Studie. Demokratie kann als abstraktes Ideal akzeptiert werden, während zugleich autoritäre Abkürzungen attraktiv erscheinen. Für eine freiheitliche Ordnung reicht es jedoch nicht, Wahlen grundsätzlich gutzuheißen. Zu ihr gehören auch Gewaltenteilung, Opposition, Minderheitenschutz, unabhängige Gerichte, freie Medien und die Bereitschaft, politische Niederlagen zu akzeptieren.

Die Gefahr beginnt nicht erst dort, wo Demokratie offen abgelehnt wird, sondern dort, wo ihre Regeln nur noch gelten sollen, solange sie das gewünschte Ergebnis liefern.

Warum die Zahl von der Messmethode abhängt

Besonders wichtig ist ein methodischer Punkt, der in zugespitzten Schlagzeilen leicht verloren geht. Der Monitor berechnet zwei Varianten der Demokratietypen. In der strengeren Variante werden auch „teils-teils“-Antworten bei autoritären Alternativen als Zeichen demokratischer Fragilität gewertet. Dann liegt der Anteil solider Demokraten bei 43,5 Prozent. Werden dagegen nur ausdrücklich zustimmende Antworten zu antidemokratischen Alternativen berücksichtigt, steigt der Anteil der soliden Demokraten auf 64 Prozent; der Anteil fragiler Demokraten sinkt auf 32 Prozent.

Das macht die Studie nicht beliebig. Es zeigt vielmehr, wie wichtig die Frage ist, was genau gemessen wird. Die erste Variante bildet gewissermaßen die sichere demokratische Basis ab: Menschen, die Demokratie bejahen und autoritäre Alternativen klar zurückweisen. Die zweite Variante schließt auch Befragte ein, die bei solchen Alternativen unsicher oder unentschieden sind. Wer aus der ersten Zahl schlicht „mehr als die Hälfte sind Anti-Demokraten“ macht, überschreitet daher die Aussagekraft der Untersuchung. Die Studie selbst betont, dass überzeugte Autokraten nur eine kleine Minderheit bilden.

Demokratie braucht mehr als Zustimmung im Fragebogen

Die Befunde sind dennoch ernst. Eine Demokratie wird nicht allein dadurch stabil, dass eine große Mehrheit sie in einer Umfrage als beste Staatsform bezeichnet. Entscheidend ist, ob demokratische Verfahren auch dann akzeptiert werden, wenn sie langsam, konfliktreich und unbequem sind. Gerade parlamentarische Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Interessen miteinander ringen, Kompromisse notwendig bleiben und politische Macht begrenzt wird.

Der Sachsen-Anhalt-Monitor verweist zugleich auf Faktoren, die demokratische Zufriedenheit schwächen können: das Gefühl mangelnder politischer Einflussmöglichkeiten, Zweifel an gerechter gesellschaftlicher Teilhabe und Verschwörungsglauben. Umgekehrt nennt die Untersuchung gesellschaftliches Engagement als wichtige demokratische Ressource. Daraus folgt eine nüchterne politische Aufgabe: Wer demokratische Bindung stärken will, muss nicht nur über Werte sprechen, sondern erfahrbar machen, dass Beteiligung Wirkung haben kann und Institutionen nachvollziehbar handeln.

Mein Fazit

„Jeder zweite Bürger in Sachsen-Anhalt ist ein Anti-Demokrat“ ist als Tatsachenbehauptung zu grob und durch den Sachsen-Anhalt-Monitor 2025 so nicht gedeckt. Treffender wäre: Bei mehr als der Hälfte der Befragten ist die Zustimmung zur liberalen Demokratie nach der strengsten Messung nicht völlig widerspruchsfrei. Das ist weniger spektakulär formuliert, aber politisch vielleicht sogar beunruhigender. Denn die zentrale Herausforderung besteht nicht nur in einer kleinen Gruppe überzeugter Autokraten, sondern in einer breiten Zone demokratischer Unsicherheit. Ob daraus weitere Distanz zur Demokratie oder eine erneuerte Bindung an sie entsteht, ist keine statistisch entschiedene Frage. Es ist eine politische und gesellschaftliche Aufgabe.

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