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Generationen im Dissens: Wenn dieselbe Demokratie in verschiedenen Zeiten lebt

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

Generationen im Dissens: Wenn dieselbe Demokratie in verschiedenen Zeiten lebt


Der politische Abstand zwischen Jung und Alt ist weniger ein bloßer Kulturkonflikt als das Ergebnis auseinanderlaufender Lebenslagen, Krisenerfahrungen und demografischer Machtgewichte.
Von Ralf Schönert  •  22. August 2026

Dass jüngere und ältere Bürger politisch unterschiedlich urteilen, ist nicht neu. Neu ist jedoch, wie deutlich sich hinter diesen Unterschieden verschiedene Erfahrungswelten verfestigen: hier eine krisenerfahrene jüngere Generation, dort eine zahlenstarke ältere Wählerschaft, deren Gewicht im politischen System wächst. Der Dissens zwischen den Generationen ist deshalb kein Nebengeräusch, sondern berührt die Repräsentationsfrage der Demokratie selbst.

Die Bundestagswahl 2025 hat diesen Befund greifbar gemacht. Die Wahlbeteiligung der Jüngeren stieg zwar deutlich, blieb bei den bis 34-Jährigen aber unter dem Durchschnitt; am niedrigsten lag sie bei den 21- bis 24-Jährigen mit 78,3 Prozent. Zugleich zeigte sich ein stark altersbezogenes Wahlverhalten: Bei den bis 24-Jährigen war Die Linke stärkste Kraft, bei den 25- bis 44-Jährigen die AfD, ab 45 Jahren dominierten CDU und CSU. Keine Partei war in allen Altersgruppen führend.

Das ist mehr als ein Stimmungsbild. Die ältere Generation ab 60 Jahren machte 2025 bereits 42,6 Prozent der Wahlberechtigten aus; 2017 waren es noch 36,3 Prozent. Parallel dazu altert die Gesellschaft insgesamt weiter: 2024 war jede fünfte Person in Deutschland 67 Jahre oder älter, für 2035 rechnet Destatis bereits mit einem Viertel der Bevölkerung in dieser Altersgruppe. Politischer Dissens entsteht daher nicht im luftleeren Raum, sondern unter verschobenen demografischen Kräfteverhältnissen.

Verschiedene Erfahrungen, verschiedene Prioritäten

Die jüngeren Jahrgänge sind politisch nicht einfach radikaler oder ungeduldiger. Sie sind, wie eine FES-Studie formuliert, geradezu „krisenerwachsen“: Finanzkrise, Klimawandel, Pandemie, Krieg, Inflation und Energiekrise bilden für viele keine Abfolge einzelner Erschütterungen, sondern den Normalzustand ihres politischen Erwachsenwerdens. Die Shell-Jugendstudie 2024 zeigt zugleich ein widersprüchliches Bild: 75 Prozent der 12- bis 25-Jährigen sind mit der Demokratie eher oder sehr zufrieden, 70 Prozent halten eigenes Engagement für wirksam, aber 56 Prozent fehlt das Vertrauen in die Einsicht ihrer Mitmenschen, und 51 Prozent beklagen Kontrollverlust.

Wer Zukunft vor allem als offene Unsicherheit erlebt, setzt andere politische Prioritäten als jemand, der Ordnung, Besitzstand und institutionelle Stabilität stärker schützen möchte. Hinzu kommt die unterschiedliche soziale Lage: 60 Prozent der 15- bis 24-Jährigen lebten 2023 überwiegend von familiärer oder staatlicher Unterstützung. Der politische Abstand der Generationen ist daher nicht bloß mental, sondern auch materiell unterfüttert.

Politisch fremd werden sich die Generationen nicht zuerst deshalb, weil sie einander ablehnen, sondern weil sie unter verschiedenen Zeitordnungen leben.

Demografie ist längst eine Machtfrage

Der geläufige Satz vom „Generationenkonflikt“ verharmlost diesen Befund fast schon. Tatsächlich geht es um politische Übersetzungschancen. Eine ältere, wahlstarke Bevölkerung verfügt über strukturell größeres Gewicht im parlamentarischen Prozess; jüngere Gruppen tragen dagegen häufig die langfristigen Risiken von Klima-, Renten-, Wohnungs- und Bildungspolitik. Der Dissens entzündet sich daher weniger an biologischem Alter als an ungleich verteilten Zeithorizonten.

Gefährlich wird dieser Zustand dann, wenn Politik ihn als Nullsummenspiel organisiert: hier die Rentner, dort die Jungen; hier soziale Sicherheit, dort Zukunftsinvestitionen. So entsteht der Eindruck, dass jede Seite nur noch gegen die andere repräsentiert werden kann. Demokratie wird dann nicht mehr als gemeinsamer Aushandlungsraum erlebt, sondern als Konkurrenz um knappe Aufmerksamkeit und knappe Ressourcen.

Kein neues 1968, aber ein neues Repräsentationsproblem

Historisch ist generationeller Konflikt nichts Ungewöhnliches. Für die langen sechziger Jahre hat die Bundeszentrale für politische Bildung beschrieben, dass die Spannungen auch daraus entstanden, dass kulturelle Öffnungen stattfanden, politische Spielräume jedoch begrenzt blieben. Heute liegt der Fall anders. Die gegenwärtige Entfremdung ist weniger Revolte als Segmentierung: Familien teilen oft noch Grundwerte, aber nicht mehr dieselben politischen Antworten. Genau darauf verweist auch eine FES-Fokusgruppe, in der junge Befragte von unterschiedlichen Parteientscheidungen zwischen Eltern und Kindern berichten.

Daraus folgt eine nüchterne politische Aufgabe. Weder jugendliches Pathos noch seniorenpolitische Beschwichtigung reichen aus. Erforderlich sind Institutionen, die langfristige Interessen sichtbar machen, ohne ältere Lebenslagen zu entwerten. Schon frühere Debatten über den Dialog der Generationen betonten, dass dafür immer wieder Balance und vertrauensbildende Maßnahmen nötig seien. Dieser Satz ist heute aktueller denn je.

Mein Fazit

Jung und alt werden sich politisch fremd, weil sie denselben Staat unter verschiedenen Bedingungen erfahren und mit unterschiedlichen Erwartungen an ihn herantreten. Das muss eine Demokratie aushalten. Sie darf diesen Dissens aber nicht verwalten, als sei er Naturgesetz. Ihre eigentliche Bewährungsprobe beginnt dort, wo sie ungleiche Zeitinteressen in faire, nachvollziehbare und generationenfähige Politik übersetzen muss.

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