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Die letzte bedrohte Minderheit heißt Mehrheitskultur

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

Die letzte bedrohte Minderheit heißt Mehrheitskultur


Am 9. August erinnert der Internationale Tag der indigenen Völker an reale Entrechtung. In Bayern hingegen wird gern so getan, als sei schon Widerspruch gegen Folklore eine Form kultureller Verfolgung.
Von Ralf Schönert  •  9. August 2026

Der 9. August ist kein Folkloretermin für beleidigte Provinzseelen, sondern ein Gedenk- und Mahntag für Rechte, die indigenen Gemeinschaften vielerorts bis heute streitig gemacht werden. Gerade deshalb wirkt der bayerische Hang, Mehrheitsmacht als bedrohte Eigenart zu verkleiden, so unerquicklich komisch.

Die Vereinten Nationen begehen den Internationalen Tag der indigenen Völker jedes Jahr am 9. August; das Datum erinnert an das erste Treffen der einschlägigen UN-Arbeitsgruppe im Jahr 1982. Seit der UN-Erklärung über die Rechte indigener Völker von 2007 geht es dabei um Selbstbestimmung, Sprache, Teilhabe und Schutz vor erzwungener Assimilation.

Und damit wären wir bei Bayern. Nicht, weil der Freistaat kolonial entrechtet worden wäre, sondern weil dort seit Jahren mit bewundernswerter Ausdauer die Legende gepflegt wird, schon die leiseste Irritation des Brauchtums sei ein Angriff auf die eigene Existenz.

Die Lust am Schutzstatus

Bayerns Verfassung nennt das Land einen Rechts-, Kultur- und Sozialstaat; sie verpflichtet den Staat ausdrücklich zum Schutz kultureller Überlieferung. Daran ist nichts falsch. Falsch wird es erst, wenn aus Kulturpflege die elegante Erpressung wird, jede Kritik möge bitte als Heimatverachtung gelten.

Dann marschieren Privilegien geschniegelt als Tradition auf. Das Kreuz, der Dialekt, die Provinzpose: alles plötzlich verletzlich, alles angeblich in Gefahr, obwohl die Lautsprecher der Mehrheit noch immer erstaunlich gut funktionieren.

Wer jede Kritik an Privilegien als Angriff auf Brauchtum ausgibt, verwechselt Folklore mit Unterdrückung.

Eine Verwechslung mit Folgen

Indigene Politik handelt von Gemeinschaften, deren Landrechte, Sprachen und Institutionen systematisch beschädigt oder verdrängt wurden. Wer diesen Begriff auf satten Regionalstolz überträgt, macht aus historischem Unrecht eine Schunkelkulisse mit Verwaltungsanschluss.

Das ist nicht nur begrifflich schlampig, sondern politisch bequem. Denn wer sich selbst zur bedrohten Ausnahme erklärt, muss die eigene Macht nicht mehr erklären. Er darf sich gleichzeitig als Norm und als Opfer fühlen. Ein hübscher Trick, unerquicklich erfolgreich.

Die bayerische Spezialität

Gerade darin liegt der Witz. Bayern ist nicht das Reservat Europas, sondern eine Region, die ihre Dominanz gern in Gemütlichkeit einwickelt. Lederhose als Verwaltungsstil: freundlich geschniegelt, historisch überhöht und beleidigt, sobald jemand das Bühnenbild bemerkt.

Die Pose des bedrohten Stamms erspart Selbstkritik, verklärt Hierarchien und erzählt Modernisierung als fremden Überfall. So wird Konservatismus zur Opferkunst: sakral aufgeladen, rhetorisch überpflegt und stets kurz davor, wegen eines genderneutralen Formulars den Untergang des Abendlandes auszurufen.

Mein Fazit

Am 9. August sollte man an Menschen denken, deren Rechte tatsächlich verteidigt werden müssen, nicht an Regionen, die bloß besonders gern von sich selbst gerührt sind. Bayern darf seine Lieder, Trachten und Prozessionen behalten. Es müsste nur aufhören, daraus eine Menschenrechtslage zu schnitzen.

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