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Der Heiland von Palm Beach

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

Der Heiland von Palm Beach


Warum ein Teil der amerikanischen Rechten Donald Trump nicht mehr wie einen Präsidenten behandelt, sondern wie eine Erlösungsfigur, die über Kritik, Institutionen und Wirklichkeit hinausgehoben werden soll.
Von Ralf Schönert  •  20. August 2026

Donald Trump hat natürlich kein Wasser in Wein verwandelt, ist nicht über das Wasser von Mar-a-Lago gelaufen und hat auch keine 5000 Menschen gespeist. Satirisch interessant ist etwas anderes: dass ein Teil seiner politischen Umgebung offenbar bereit wäre, genau so etwas irgendwann für plausibel zu halten. Darin liegt die eigentliche Diagnose.

Man kennt die Liturgie inzwischen. Trump heilt die Lahmen, weil seine Gegner plötzlich wieder stehen können, sobald es um Fernsehkameras geht. Er stillt Hunger, weil jede Massenveranstaltung aussieht, als sei Fast Food bereits ein Sakrament. Und wenn das politische Drehbuch noch etwas mehr Pathos verlangt, wird er eben von einer Jungfrau in einem Stall geboren, nur um später, selbstverständlich unschuldig und weltgeschichtlich missverstanden, ans Kreuz genagelt zu werden.

Das ist keine Beschreibung von Wirklichkeit. Es ist die Beschreibung einer politischen Kultur, die Verantwortung durch Erzählung ersetzt. Wo demokratische Kontrolle anstrengend wird, tritt die Heiligenlegende an ihre Stelle. Aus Macht wird Sendung, aus Eigennutz Schicksal, aus jeder Kritik eine Verfolgung der Wahrheit. Der Kitsch ist religiös, der Zweck aber durch und durch politisch.

Die politische Heiligenlegende

Dass diese Erlösungsrhetorik keine Randnotiz, sondern Teil des gegenwärtigen Machtstils ist, lässt sich nüchtern belegen: Das Weiße Haus führt Trump als 45. und 47. Präsidenten; Pew beschreibt weiße Evangelikale weiterhin als eine seiner stärksten politischen Stützen; Reuters berichtete im Frühjahr 2026 über religiös aufgeladene Loyalitätserzählungen rund um seine Politik.

Bei einer Osterveranstaltung im Weißen Haus wurde Trump sogar in die Nähe der Passion gerückt; zugleich scherzte er laut Berichten darüber, man nenne ihn nun eben „König“. Wer so spricht, will nicht regieren, sondern verehrt werden. Wer so zuhört, will nicht prüfen, sondern glauben. Das ist für eine Republik ungefähr so gesund wie ein Fernsehevangelist mit Startcodes.

Wo Macht als Passion inszeniert wird, endet Kontrolle und beginnt Anbetung.

Opfer, Erlösung, Unfehlbarkeit

Der entscheidende Trick dieser Erzählung ist die Umdeutung von Macht in Martyrium. Jede Kritik wird zum Nagel, jede Ermittlung zur Dornenkrone, jede Wahlniederlage zur Prüfung des Himmels. Der Mann mit Privatjet und Gerichtssaalroutine erscheint plötzlich als verfolgter Gerechter. Das ist kommunikativ brillant und moralisch unerquicklich, also leider ein Klassiker.

Aus links-liberaler Sicht ist daran weniger der schlechte Geschmack das Problem als die politische Funktion. Wer den Führer zum Erlöser erhebt, erklärt Widerspruch zur Sünde. Dann müssen Institutionen nicht mehr unabhängig sein, Minderheiten nicht mehr geschützt und soziale Wirklichkeiten nicht mehr ernst genommen werden. Es genügt, dass der Gesalbte wieder eine Bühne findet und die Gemeinde „Amen“ ruft.

Der alte amerikanische Traum vom starken Mann

Historisch ist das nicht neu. Die Vereinigten Staaten kennen seit Langem eine Mischung aus Zivilreligion, Fernsehfrömmigkeit und politischem Starkult. Neu ist nur die Dreistigkeit, mit der alles zusammenfällt: Präsidentenamt, Realityshow, Kanzelton und Beschwerdechor. Der Messias trägt kein Gewand, sondern Merchandise.

Deshalb ist auch der Witz über Wasser, Wein und Wunderheilungen nicht bloß Spott. Er trifft einen Kern. Denn autoritäre Politik arbeitet immer mit Überhöhung. Sie braucht keine plausiblen Programme, solange sie Heilsversprechen liefert. Wer seinen Anhängern ein Evangelium der Kränkung verkauft, muss am Ende nicht kompetent sein. Es reicht, unfehlbar zu wirken.

Mein Fazit

Donald Trump hat kein Wasser in Wein verwandelt. Seine politische Umgebung vollbringt das viel nützlichere Wunder: Sie verwandelt Zynismus in Glauben, Selbstinszenierung in Vorsehung und Machtwillen in Opfermythos. Genau darin liegt die Gefahr. Demokratien sterben selten an einem einzelnen Heiland. Sie sterben daran, dass zu viele Menschen ihn unbedingt haben wollen.

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