Direkt zum Hauptbereich

Rassismus unter Genoss*innen

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

Rassismus unter Genoss*innen

Die Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte 2022/23, dass rassistische und abwertende Deutungsmuster kein exklusives Problem des rechten Randes sind. Die eigentliche Frage lautet daher, ob sozialdemokratische Milieus ihre moralische Selbstgewissheit schon mit politischer Selbstkritik verwechseln.
Von Ralf Schönert  •  15. Juli 2026

Wer über Rassismus in der Sozialdemokratie spricht, sollte mit einer begrifflichen Präzision beginnen: Die FES-Studie befragte nicht Parteimitglieder, sondern untersuchte gesellschaftliche Einstellungen insgesamt. Gerade deshalb ist ihr Befund politisch so relevant. Er zeigt, dass auch in Milieus, die sich demokratisch, aufgeklärt und solidarisch verstehen, Abwertung, kulturelle Hierarchisierung und blinde Flecken fortbestehen.

Der provozierende Titel „Rassismus unter Genoss*innen“ trifft also nicht als statistische Parteimitgliederdiagnose zu, wohl aber als politische Zumutung. Denn die sozialdemokratische Tradition lebt von Gleichheit, Menschenwürde und universalem Bürgerrecht. Wenn selbst in ihrem weiteren Resonanzraum rassistische Muster erkennbar bleiben, dann ist das nicht bloß ein Widerspruch zur Theorie, sondern ein Problem der politischen Praxis.

Die Studie „Die distanzierte Mitte“ macht deutlich, dass gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland nicht nur offen aggressiv, sondern häufig kulturell codiert auftritt: über Vorstellungen von Vorrang, Zugehörigkeit und vermeintlich legitimer Ungleichbehandlung. Für eine Partei wie die SPD ist das besonders heikel. Sie kann sich nicht damit begnügen, gegen Rechts zu sein, wenn sie die stilleren Formen sozial akzeptierter Ausgrenzung im eigenen Umfeld nicht ebenso ernst nimmt.

Das Problem liegt nicht nur am Rand

Der zentrale politische Ertrag der FES-Befunde liegt in einer alten, aber oft verdrängten Einsicht: Rassismus ist nicht nur Ideologie, sondern auch Alltagsordnung. Er zeigt sich in Sprache, Verwaltungsdenken, Erwartungshaltungen und in der Frage, wem ohne weiteres Zugehörigkeit zugesprochen wird und wem nicht. Gerade die gemäßigte Mitte hält sich gern für immun, weil sie keine offen extremen Positionen vertritt. Doch demokratische Selbstbeschreibung ersetzt keine antirassistische Prüfung des eigenen Handelns.

Für die Sozialdemokratie ist das historisch brisant. Sie war immer dann stark, wenn sie soziale Frage und Gleichheitsfrage zusammengedacht hat. Immer dann aber, wenn sie Integration vor allem als Anpassung an eine dominante Norm verstand, entstand ein Spannungsverhältnis zwischen universalem Anspruch und kultureller Engführung. Dieses Spannungsverhältnis ist nicht neu, doch es wird in einer vielfältiger gewordenen Gesellschaft sichtbarer und konfliktreicher.

Eine demokratische Partei scheitert nicht erst dort, wo sie Rassismus duldet, sondern schon dort, wo sie ihn im eigenen Umfeld nur als Problem der anderen erkennt.

Zwischen Selbstbild und Repräsentationslücke

Hinzu kommt ein organisatorischer Befund. In der SPD wird seit Jahren über Repräsentation, Teilhabe und Antirassismus beraten; entsprechende Beschlüsse und Initiativen existieren. Doch gerade dieser Umstand verschärft die Frage, ob Einsicht bereits in Veränderung übersetzt wurde. Wer Antirassismus programmatisch bejaht, muss ihn auch personell, kulturell und institutionell verankern. Sonst bleibt das Thema moralisch anerkannt, aber praktisch randständig.

Die Debatte berührt damit den Kern parteipolitischer Glaubwürdigkeit. Es genügt nicht, Rassismus als Angriff von außen zu benennen. Parteien reproduzieren selbst soziale Normalitäten: durch Auswahlmechanismen, Sprachstile, Netzwerke und informelle Macht. Wo Menschen mit Einwanderungsgeschichte zwar adressiert, aber nicht gleichrangig vertreten werden, entsteht kein bloßes Kommunikationsproblem, sondern ein demokratisches Defizit.

Was daraus politisch folgt

Die angemessene Reaktion auf die FES-Ergebnisse ist daher weder Abwehr noch symbolische Betroffenheit. Nötig wäre eine nüchterne Verbindung aus politischer Bildung, innerparteilicher Machtkritik und überprüfbaren Veränderungen bei Personal, Sprache und Verfahren. Antirassismus ist keine Ergänzungsfrage für Arbeitsgemeinschaften, sondern eine Belastungsprobe für den universellen Anspruch der Sozialdemokratie selbst.

Gerade weil die Studie keine Parteimitgliedererhebung ist, lässt sie sich nicht bequem externalisieren. Sie beschreibt das gesellschaftliche Klima, in dem auch sozialdemokratische Politik stattfindet. Wer dieses Klima verändern will, muss anerkennen, dass Vorurteil und Ausschluss nicht nur in den lauten Zonen der Republik entstehen, sondern ebenso in den respektablen, gebildeten und sich selbst für anständig haltenden Milieus.

Mein Fazit

Die FES-Studie von 2022/23 ist für die Sozialdemokratie weniger ein Skandalpapier als ein Spiegel. Sie zeigt nicht, dass „die Genoss*innen“ ein rassistisches Kollektiv wären. Sie zeigt aber, dass auch im sozialdemokratischen Umfeld kein moralischer Sonderstatus existiert. Der eigentliche Prüfstein liegt deshalb nicht in der Empörung über den Befund, sondern in der Bereitschaft, das eigene Selbstbild politisch zu korrigieren. Eine Partei, die Gleichheit ernst meint, muss gerade dort genauer hinsehen, wo sie sich ihrer eigenen Anständigkeit besonders sicher ist.

Hinweis für Redaktionen und Blogbetreiber
Wenn Sie diesen Beitrag informativ finden, dürfen Sie ihn gerne zitieren oder verlinken.
Ich freue mich über jede Weiterverbreitung und sachliche Diskussion.
Bitte geben Sie bei Übernahme die Quelle an: meinekommentare.blogspot.com
*Hinweis gemäß Art. 52 DSA (Digital Services Act der EU) – seit 01.08.2025 verpflichtend: Das verwendete Bild- und Grafikmaterial ist KI-generiert. Ausnahmen sind unter dem jeweiligen Objekt gekennzeichnet.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zitate: Arthur Schopenhauer und der Nationalstolz – Biografie und Deutung eines kritischen Gedankens

Arthur Schopenhauer (1788–1860) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Geboren in Danzig als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, verbrachte er seine Kindheit in Hamburg und studierte später Philosophie in Göttingen und Berlin. Früh beeinflusst durch Kant, entwickelte er eine eigene metaphysische Weltsicht, die stark vom indischen Denken sowie dem Pessimismus geprägt war. Sein Hauptwerk, Die Welt als Wille und Vorstellung (1819), wurde zunächst kaum beachtet, erlangte aber später große Wirkung, insbesondere auf Philosophen wie Nietzsche und Künstler wie Wagner oder Thomas Mann. Schopenhauer lebte zeitweise in Weimar, Frankfurt am Main und Italien und führte ein zurückgezogenes Leben, geprägt von kritischer Beobachtung der Gesellschaft. In seinem Spätwerk Parerga und Paralipomena (1851), einer Sammlung von Essays und Aphorismen, formuliert er diesen berühmten Gedanken. Diese Aussage ist eine scharfe Kritik an einer Haltung, die Schopenhauer als int...

Oh Gott, die Isländer haben die Beitrittsverhandlungen zur EU abgelehnt. Werden jetzt die Preise für eingelegten Hering ins Unermessliche steigen?

Es ist passiert. Island hat die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen abgelehnt. Europa taumelt. Die Märkte zittern.  Und irgendwo in einem Edeka in Niedersachsen steht ein Rentner namens Horst vor dem Kühlregal und hält drei Gläser Bismarckhering an die Brust. „Die kriegt ihr nicht“, sagt er. Zu niemandem. Noch.  Der Heringsschock von 2026 Natürlich behaupten sogenannte Fachleute, die Entscheidung Islands werde nicht unmittelbar zu einer Verknappung von eingelegtem Hering führen. Fachleute sagen so etwas immer kurz vor dem Zusammenbruch einer Zivilisation. „Es gibt keinen Grund zur Panik.“ „Die Lieferketten sind stabil.“ „Der Hering ist ausreichend verfügbar.“ Das haben die Römer vermutlich auch über Garum gesagt. Und wo ist Rom heute? Ruinen. Denken Sie darüber nach.  Der Nordatlantik schließt. Nach unbestätigten Berichten hat Island bereits begonnen, sämtliche Heringe zu zählen. Jeder Fisch erhält eine Nummer. Besonders große Exemplare zusätzli...

Schwarze Löcher - Die CDU im Jahre 2025 – Eine Reise ins konservative Niemandsland

Noch ist es 2025. Friedrich Merz steht immer noch an der Spitze der CDU, oder sagen wir lieber: Er sitzt da, wie ein Chefarzt auf einer Station, auf der nur noch Placebos verteilt werden. Der Mann, der einst versprach, die Partei „zu alter Stärke“ zurückzuführen, steht nun mit einem Bein im Faxgerät und dem anderen im Aktienportfolio. Die CDU, das ist jetzt nicht mehr die „Partei der Mitte“, sondern eher der Parteitag der Mitte-Links-gegen-Mitte-Rechts-gegen-Mitte-Mitte. Merz selbst wirkt wie ein schlecht gelaunter Sparkassenberater, der dem Land erklärt, warum es gut ist, wenn keiner mehr weiß, wofür die CDU steht. Die „neue Klarheit“ besteht vor allem aus nostalgischem Nebel und neoliberaler Schonkost. Im Bundestag murmelt man inzwischen ehrfürchtig, die CDU wolle wieder „regierungsfähig“ werden. Das ist süß. Wie ein Vierjähriger, der behauptet, er werde Astronaut – obwohl er panische Angst vor der Badewanne hat. Merz ruft nach Ordnung, Leistung und Eigenverantwortung – also allem,...