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Braucht Deutschland ein Grundeinkommen für Künstler:innen?

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

Braucht Deutschland ein Grundeinkommen für Künstler:innen?


Irlands neues Modell belebt eine alte Frage neu: Reicht in Deutschland die Reform bestehender Sicherungssysteme aus, oder verlangt kulturelle Arbeit eine grundsätzlich andere soziale Absicherung?
Von Ralf Schönert  •  19. Juli 2026

Die Debatte über ein Grundeinkommen für Künstler:innen ist keine romantische Nebenfrage der Kulturpolitik. Sie berührt einen zentralen Widerspruch moderner Gesellschaften: Kunst wird öffentlich als unverzichtbar gepriesen, ökonomisch aber oft so behandelt, als sei sie bloß ein Zusatz zum eigentlichen Erwerbsleben. Gerade deshalb spricht einiges dafür, die Frage neu zu stellen. Doch die überzeugendste Antwort für Deutschland liegt vermutlich nicht in einem pauschalen Künstler-Grundeinkommen, sondern in einer verlässlichen sozialen Untergrenze aus fairen Honoraren, reformierter Absicherung und gezielten Modellversuchen.

Der Anstoß für die neue Debatte kommt nicht zuletzt aus Irland. Dort wird das Programm "Basic Income for the Arts" von 2026 bis 2029 fortgesetzt; vorgesehen sind 325 Euro pro Woche für 2.000 berechtigte Kunstschaffende. Entscheidend ist dabei weniger die Höhe als das politische Signal: Der Staat behandelt künstlerische Arbeit nicht nur als förderwürdiges Projekt, sondern als gesellschaftlich relevante Tätigkeit mit eigenem Anspruch auf Stabilität.

In Deutschland ist die Ausgangslage anders, aber kaum weniger brisant. Nach Angaben der Künstlersozialkasse lag das durchschnittliche Jahreseinkommen ihrer aktiv Versicherten zum 1. Januar 2025 bei 21.016 Euro; bei Frauen waren es 17.967 Euro. Zugleich verweist die im Auftrag von Bundeskulturpolitik und Wirtschaftsministerium erstellte Studie zur sozialen Lage auf eine weiterhin prekäre Situation vieler soloselbständiger und hybrid Erwerbstätiger in Kulturberufen. Wer über Grundeinkommen spricht, spricht also nicht über Luxus, sondern über strukturelle Unsicherheit.

Warum die Frage wieder auf der Tagesordnung steht

Kulturarbeit folgt selten dem Normalmodell des Arbeitsmarkts. Einkommen schwanken, Projektförderungen laufen aus, Erwerbsbiografien sind unterbrochen, und viele Tätigkeiten, die für das kulturelle Leben unverzichtbar sind, lassen sich nur begrenzt marktförmig vergüten. Das ist historisch nicht neu. Neu ist jedoch, dass diese Unsicherheit heute mit steigenden Lebenshaltungskosten, digitalem Verwertungsdruck und einer zunehmenden Fragmentierung künstlerischer Erwerbsformen zusammenfällt.

Ein Grundeinkommen für Künstler:innen erscheint deshalb auf den ersten Blick plausibel: Es könnte Freiräume schaffen, bürokratischen Druck mindern und jene Zeit sichern, ohne die künstlerische Arbeit oft gar nicht entstehen kann. Gerade in Bereichen, in denen Recherche, Proben, Entwürfe oder Vernetzung nicht unmittelbar honoriert werden, wäre eine stabile Grundsicherung mehr als eine Sozialleistung - sie wäre eine Anerkennung der realen Produktionsbedingungen von Kunst.

Wer über ein Grundeinkommen für Künstler:innen spricht, verhandelt in Wahrheit die Frage, welchen materiellen Mindestwert eine Gesellschaft ihrer kulturellen Arbeit beimisst.

Was für das Modell spricht - und was dagegen

Für ein solches Modell spricht vor allem seine Klarheit. Anders als viele Förderprogramme würde es nicht einzelne Projekte, Genres oder Antragsrhetoriken privilegieren, sondern die Arbeitsfähigkeit selbst absichern. Das könnte auch kulturpolitisch produktiv sein: Weniger Zeit für Antragstechnik bedeutet im besten Fall mehr Zeit für Kunst. Irland setzt dabei allerdings nicht auf ein allgemeines Recht für alle, sondern auf ein begrenztes, berufsbezogenes und ausgelostes Modell - also bereits auf eine politisch eingehegte Form des Grundeinkommens.

Gerade darin liegt aber auch die deutsche Skepsis. Wer gilt als Künstler:in? Nach welchen Kriterien? Und soll ein Sondermodell für Kunst gelten, wenn andere prekäre Solo-Selbständige ähnliche Probleme haben? Ein pauschales Grundeinkommen nur für den Kulturbereich wäre sozialpolitisch schwer abzugrenzen und kulturpolitisch leicht missverständlich: Es könnte so wirken, als solle nicht faire Bezahlung hergestellt, sondern dauerhaft schlechte Markt- und Förderstrukturen kompensiert werden.

Der realistischere deutsche Weg

Tatsächlich deutet die deutsche Politik derzeit in eine andere Richtung. Der Koalitionsvertrag kündigt an, Mindestgagen und Honoraruntergrenzen in der Bundesförderung zu berücksichtigen, neue Selbständige besser fürs Alter abzusichern, den Abgabesatz der Künstlersozialversicherung zu stabilisieren und die digitale Verwertung stärker in die Künstlersozialabgabe einzubeziehen. Das ist kein Grundeinkommen, aber es ist der Versuch, die bestehenden Sicherungssysteme an die Realität kultureller Arbeit anzupassen.

Genau hier liegt vermutlich der sinnvollste Ansatz: Deutschland braucht zunächst keine kulturpolitische Großgeste, sondern einen belastbaren Unterbau. Faire Honorare, weniger projektbedingte Unsicherheit, bessere Renten- und Krankenabsicherung sowie passgenaue Regeln für Solo-Selbständige wären systemisch wirksamer als ein symbolisch aufgeladenes Sondermodell. Ein zeitlich befristeter Modellversuch für bestimmte Sparten oder Regionen könnte dennoch sinnvoll sein - nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung einer ernsthaften Reformpolitik.

Mein Fazit

Ein Grundeinkommen für Künstler:innen ist auch in Deutschland keine abwegige Idee. Aber es taugt nur dann, wenn es nicht die Reparatur schlecht bezahlter Kulturarbeit ersetzen soll. Die eigentliche Aufgabe bleibt, künstlerische Arbeit als Arbeit zu behandeln: mit fairen Mindesthonoraren, verlässlicher Sozialversicherung und weniger struktureller Prekarität. Erst auf dieser Grundlage kann die Frage nach einem Grundeinkommen politisch vernünftig und gesellschaftlich glaubwürdig beantwortet werden.

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