Direkt zum Hauptbereich

Benjamin Netanjahu und die lange Ära der Macht

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

Benjamin Netanjahu und die lange Ära der Macht


Die politische Karriere des langjährigen israelischen Premierministers zeigt, wie eng sicherheitspolitische Autorität, institutionelle Konflikte und persönliche Macht in Israel miteinander verknüpft worden sind.
Von Ralf Schönert  •  27. Juni 2026

Benjamin Netanjahu hat die israelische Politik über Jahrzehnte geprägt wie kaum ein anderer Regierungschef. Sein Vermächtnis liegt nicht allein in Wahltriumphen, außenpolitischer Härte und diplomatischen Erfolgen, sondern ebenso in der tiefen Polarisierung des Landes, in der Auseinandersetzung um Rechtsstaat und Gewaltenteilung sowie in den internationalen Belastungen, die seine Amtsführung inzwischen begleiten.

Netanjahus politische Karriere steht für eine seltene Verbindung aus strategischer Disziplin, ideologischer Beständigkeit und bemerkenswerter Machttechnik. Er war von 1996 bis 1999, von 2009 bis 2021 und erneut seit Dezember 2022 Premierminister; damit ist er der am längsten amtierende Regierungschef in der Geschichte Israels. Früh verstand er es, Sicherheit, Iranpolitik und Skepsis gegenüber territorialen Zugeständnissen zum Kern einer politischen Erzählung zu machen, die weite Teile des rechten und konservativen Lagers band.

Gerade darin liegt jedoch auch die Leitfrage seines Vermächtnisses: Hat Netanjahu Israels Handlungsfähigkeit gestärkt oder die politischen und institutionellen Spannungen so vertieft, dass seine Ära am Ende mehr innere Erosion als strategische Stabilität hinterlässt? Diese Frage stellt sich umso schärfer, weil seine politische Langlebigkeit heute von juristischen Verfahren, heftigen innenpolitischen Konflikten und internationalem Druck überschattet wird.

Macht durch Sicherheit und Dauerpräsenz

Netanjahu verkörperte über Jahre den Typus des permanenten Krisenmanagers. Seine Unterstützer sahen in ihm den Garanten nationaler Sicherheit, den entschlossenen Gegenspieler Irans und den Verteidiger eines starken israelischen Staates. Diese Selbstinszenierung war politisch wirksam, weil sie ein Grundgefühl der Bedrohung mit der Zusage verband, nur erfahrene Führung könne Israel in einer feindlichen Region behaupten. Zugleich gehörte zur Bilanz auch die Normalisierung Israels mit mehreren arabischen Staaten im Rahmen der Abraham-Abkommen, die seiner Außenpolitik zusätzliches Gewicht verlieh.

Doch das sicherheitspolitische Versprechen wurde durch die Ereignisse seit dem 7. Oktober 2023 fundamental erschüttert. Selbst Reuters fasste später zusammen, dass Netanjahus Sicherheitsruf durch den Hamas-Angriff schwer beschädigt worden sei. Damit wurde ausgerechnet jener Bereich, aus dem er seine stärkste politische Legitimation bezog, zum Maßstab seiner Verwundbarkeit.

Netanjahus Vermächtnis besteht weniger in einer einzelnen Entscheidung als in der dauerhaften Verschmelzung von Sicherheitsanspruch, parteipolitischer Lagerbildung und persönlicher Machterhaltung.

Der Konflikt um Rechtsstaat und politische Grenzen

Der zweite große Teil seiner Bilanz betrifft die Institutionen des Staates. Die Justizreform seiner Regierung löste 2023 Massenproteste aus und wurde von Kritikern als Angriff auf die Unabhängigkeit der Gerichte verstanden. Befürworter sprachen von einer Korrektur richterlicher Übermacht; Gegner warnten vor einer systematischen Schwächung der Gewaltenteilung. Gerade an diesem Konflikt zeigt sich, dass Netanjahu nicht nur Wahlen gewann, sondern die politischen Spielregeln selbst zum Gegenstand der Machtauseinandersetzung machte.

Hinzu kommt sein langjähriger Korruptionsprozess. Netanjahu ist der erste amtierende israelische Premierminister, der strafrechtlich angeklagt wurde; er weist die Vorwürfe des Betrugs, der Untreue und in einem Fall der Bestechung zurück. Juristisch gilt die Unschuldsvermutung. Politisch aber hat das Verfahren den Eindruck verstärkt, dass sich in seiner Amtsführung staatliche Autorität und persönliche Verteidigungslinien immer schwerer trennen lassen.

Internationale Lasten eines nationalen Führungsstils

International ist Netanjahus Name inzwischen untrennbar mit einer neuen rechtlichen und diplomatischen Belastung verbunden. Der Internationale Strafgerichtshof veröffentlichte im November 2024 einen Haftbefehl gegen ihn; Israel bestreitet die Zuständigkeit des Gerichts. Parallel dazu läuft vor dem Internationalen Gerichtshof das von Südafrika angestrengte Verfahren gegen Israel, in dem bereits mehrfach vorläufige Maßnahmen angeordnet wurden. Unabhängig von späteren Entscheidungen markieren diese Verfahren einen tiefen Reputationsschaden für einen Politiker, der sich lange als global besonders handlungsfähiger Staatsmann präsentierte.

Gerade darin liegt die historische Pointe: Netanjahu hat Israel international sichtbarer, militärisch entschlossener und regional diplomatisch beweglicher gemacht. Zugleich hat seine Politik den Preis dieser Sichtbarkeit erhöht. Sein Name steht heute ebenso für strategische Entschlossenheit wie für die Frage, ob ein demokratischer Staat im permanenten Ausnahmezustand am Ende seine inneren Bindekräfte schwächt.

Mein Fazit

Benjamin Netanjahu wird als Ausnahmefigur der israelischen Politik in Erinnerung bleiben: als Wahlkämpfer von außerordentlicher Zähigkeit, als Architekt eines sicherheitspolitisch geprägten Regierungsstils und als Symbol einer Epoche, in der Macht zunehmend personalisiert wurde. Sein Vermächtnis ist deshalb doppeldeutig. Er hat Israels politische Richtung nachhaltig geprägt, aber er hat zugleich Konflikte hinterlassen, die weit über seine Person hinausreichen: den Streit um die demokratischen Institutionen, die offene Frage politischer Verantwortung und die internationale Belastung eines Staates, der unter seiner Führung stärker, aber nicht unbedingt geeinter geworden ist.

Hinweis für Redaktionen und Blogbetreiber
Wenn Sie diesen Beitrag informativ finden, dürfen Sie ihn gerne zitieren oder verlinken.
Ich freue mich über jede Weiterverbreitung und sachliche Diskussion.
Bitte geben Sie bei Übernahme die Quelle an: meinekommentare.blogspot.com
*Hinweis gemäß Art. 52 DSA (Digital Services Act der EU) – seit 01.08.2025 verpflichtend: Das verwendete Bild- und Grafikmaterial ist KI-generiert. Ausnahmen sind unter dem jeweiligen Objekt gekennzeichnet.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zitate: Arthur Schopenhauer und der Nationalstolz – Biografie und Deutung eines kritischen Gedankens

Arthur Schopenhauer (1788–1860) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Geboren in Danzig als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, verbrachte er seine Kindheit in Hamburg und studierte später Philosophie in Göttingen und Berlin. Früh beeinflusst durch Kant, entwickelte er eine eigene metaphysische Weltsicht, die stark vom indischen Denken sowie dem Pessimismus geprägt war. Sein Hauptwerk, Die Welt als Wille und Vorstellung (1819), wurde zunächst kaum beachtet, erlangte aber später große Wirkung, insbesondere auf Philosophen wie Nietzsche und Künstler wie Wagner oder Thomas Mann. Schopenhauer lebte zeitweise in Weimar, Frankfurt am Main und Italien und führte ein zurückgezogenes Leben, geprägt von kritischer Beobachtung der Gesellschaft. In seinem Spätwerk Parerga und Paralipomena (1851), einer Sammlung von Essays und Aphorismen, formuliert er diesen berühmten Gedanken. Diese Aussage ist eine scharfe Kritik an einer Haltung, die Schopenhauer als int...

Europa liebt Trump. Solange es WLAN und Cheeseburger gibt

Fangen wir mit dem Elefanten im Raum an: dem orangenen in Washington. Die Erzählung, dass Trump „eine innere Angelegenheit der USA“ sei, ist niedlich. So wie zu glauben, ein Hausbrand im Nachbarhaus ginge dich nichts an, weil „es ja deren Wohnzimmer ist“. Für Europa ist Trump aus mehreren Gründen tödlich unpraktisch: Sicherheits- und Bündnispolitik : Ein US-Präsident, der NATO wie ein Netflix-Abo behandelt („Nutze ich das wirklich genug?“), ist für Europa ungefähr so beruhigend wie ein ausgelaufener Tanklastwagen vor der Haustür. Klimapolitik : Während Europa sich mühsam an Klimaziele klammert, bläst ein trumpistisches Amerika fröhlich CO₂ in die Luft und erklärt den Klimawandel zur Meinungssache. Ist auch klar: Die Atmosphäre kennt bekanntlich Landesgrenzen. Genau wie WLAN. Rechtsruck als Exportgut : Trumpismus ist nicht einfach US-Innenpolitik, er ist Markenware. Ein Franchise für autoritäre Ego-Showpolitik, das sich in Europa bestens verkauft – von Orbán über Le Pen bis z...

Schwarze Löcher - Die CDU im Jahre 2025 – Eine Reise ins konservative Niemandsland

Noch ist es 2025. Friedrich Merz steht immer noch an der Spitze der CDU, oder sagen wir lieber: Er sitzt da, wie ein Chefarzt auf einer Station, auf der nur noch Placebos verteilt werden. Der Mann, der einst versprach, die Partei „zu alter Stärke“ zurückzuführen, steht nun mit einem Bein im Faxgerät und dem anderen im Aktienportfolio. Die CDU, das ist jetzt nicht mehr die „Partei der Mitte“, sondern eher der Parteitag der Mitte-Links-gegen-Mitte-Rechts-gegen-Mitte-Mitte. Merz selbst wirkt wie ein schlecht gelaunter Sparkassenberater, der dem Land erklärt, warum es gut ist, wenn keiner mehr weiß, wofür die CDU steht. Die „neue Klarheit“ besteht vor allem aus nostalgischem Nebel und neoliberaler Schonkost. Im Bundestag murmelt man inzwischen ehrfürchtig, die CDU wolle wieder „regierungsfähig“ werden. Das ist süß. Wie ein Vierjähriger, der behauptet, er werde Astronaut – obwohl er panische Angst vor der Badewanne hat. Merz ruft nach Ordnung, Leistung und Eigenverantwortung – also allem,...