Wer wissenschaftliche Texte liest, stößt früher oder später auf das Wort Desiderat . Es klingt gelehrt, beinahe geheimnisvoll – doch seine Bedeutung ist schlicht und präzise zugleich. Ein Desiderat ist etwas, das fehlt. Es bezeichnet eine Forschungslücke , eine offene Frage oder ein noch nicht erfülltes Bedürfnis in der wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Diskussion. Der Begriff stammt vom lateinischen desiderare , was so viel heißt wie „ersehnen“ oder „wünschen“. In der Gelehrtensprache des 18. und 19. Jahrhunderts wurde daraus ein Ausdruck für das, was man sich in der Forschung oder Lehre wünscht – nämlich Erkenntnis dort, wo sie bislang fehlt. Wenn also ein Historiker schreibt: „Die Rolle der Arbeiterbewegung im Ruhrgebiet bleibt ein Desiderat der Forschung“, meint er: Hier gibt es noch etwas zu erforschen. Ein Desiderat ist damit kein Mangel im negativen Sinn, sondern ein Hinweis auf Erkenntnispotenzial. Es markiert die Grenze des Wissens und lädt dazu ein, diese zu über...
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