Es gibt Menschen, die brauchen ein Auto. Sie brauchen es für den Arbeitsweg, den Einkauf, den Wochenendausflug oder um sich morgens im Stau daran zu erinnern, dass Freiheit manchmal nach Abgasen riecht und 47 Minuten zu spät kommt.
Ich brauche kein Auto.
Denn meine Mutter fährt mich jeden Morgen mit dem Lastenfahrrad zur Arbeit.
Sie ist 85 Jahre alt.
Und ja, bevor jemand fragt: Natürlich hat sie mir vorher Frühstück gemacht. Wir sind hier schließlich nicht bei irgendeinem halbherzigen Serviceangebot, sondern bei einem Premium-Mobilitätsmodell mit familiärer Vollverpflegung. Andere nennen es „Mikromobilität“. Ich nenne es: Mama.
Der Morgen beginnt mit Frühstück und leichter moralischer Überlegenheit
Während andere hektisch ihre Autoschlüssel suchen, Scheiben freikratzen oder sich über Benzinpreise beschweren, sitze ich am Frühstückstisch. Meine Mutter hat schon alles vorbereitet. Kaffee, Brot, vielleicht ein Ei, vielleicht ein Blick, der sagt: „Du bist erwachsen, aber offenbar nur theoretisch.“
Danach geht es los.
Ich steige ins Lastenfahrrad, vermutlich mit der Würde eines Menschen, der sein Leben komplett im Griff hat, sofern man „von der 85-jährigen Mutter zur Arbeit gefahren werden“ sehr großzügig interpretiert. Sie tritt in die Pedale, ich lasse mich transportieren, und irgendwo weint ein Fahrlehrer leise in seinen Terminkalender.
Nachhaltigkeit kann so bequem sein
Natürlich ist das Ganze auch ökologisch vorbildlich. Kein Benzin, keine Parkplatzsuche, keine Versicherung, keine Werkstattrechnung, kein „komisches Geräusch vorne rechts“. Nur Muskelkraft, Familienbindung und ein Lastenfahrrad, das vermutlich mehr Charakter hat als die meisten SUVs.
Man könnte sagen, ich lebe klimafreundlich.
Man könnte auch sagen, meine Mutter lebt klimafreundlich, während ich hinten sitze und den Wind genieße. Aber wir wollen jetzt nicht kleinlich werden. Teamleistung ist Teamleistung. Auch Passagiere leisten ihren Beitrag, indem sie nicht im Weg stehen. Meistens.
Meine Mutter, die heimliche Heldin des Berufsverkehrs
Mit 85 Jahren morgens jemanden zur Arbeit zu fahren, ist schon bemerkenswert. Mit dem Lastenfahrrad ist es olympisch. Andere Menschen in dem Alter lassen sich fahren, meine Mutter fährt. Andere machen Wassergymnastik, sie macht Logistik. Andere lösen Kreuzworträtsel, sie löst meinen Arbeitsweg.
Und das Beste: Sie tut es wahrscheinlich nicht, weil sie muss, sondern weil sie es kann. Diese Generation hat ohnehin einen anderen Zugang zu Belastbarkeit. Während ich nach dem Frühstück überlege, ob ich emotional bereit für E-Mails bin, hat sie vermutlich schon eingekauft, Wäsche sortiert und einen kleinen Berg versetzt.
Brauche ich wirklich kein Auto?
Nein.
Ein Auto wäre in meinem Fall fast überflüssiger Luxus. Es würde herumstehen, Geld kosten und mich daran hindern, jeden Morgen daran erinnert zu werden, dass meine Mutter offenbar fitter ist als ich. Das ist zwar demütigend, aber auch praktisch.
Natürlich könnte ich mir ein Auto kaufen. Dann müsste ich selbst fahren, selbst tanken, selbst einen Parkplatz suchen und mich selbst mit meinem Leben auseinandersetzen. Das klingt unnötig anstrengend.
Das Lastenfahrrad dagegen bietet alles: frische Luft, Bewegung für meine Mutter, pünktliche Ankunft für mich und eine Geschichte, die so absurd klingt, dass sie schon wieder als Lebensstil durchgeht.
Was ich daraus gelernt habe
Ich habe gelernt, dass Mobilität nicht immer vier Räder, Klimaanlage und Infotainmentsystem braucht. Manchmal reichen zwei Räder, ein stabiler Gepäckkasten und eine Mutter, die morgens mehr Energie hat als ein mittelgroßes Kraftwerk.
Ich habe auch gelernt, dass man Dankbarkeit nicht nur denken sollte. Man sollte sie zeigen. Mit Hilfe im Haushalt, mit Zeit, mit Aufmerksamkeit, mit Blumen, mit Reparaturen am Fahrrad oder wenigstens damit, nicht wie ein nasser Sack im Lastenkorb zu sitzen und sich bedienen zu lassen.
Denn bei aller Komik ist eines klar: So eine Mutter ist kein Verkehrsmittel. Sie ist ein Geschenk.
Ein ziemlich sportliches Geschenk mit Frühstücksservice, aber trotzdem ein Geschenk.
Ich brauche kein Auto. Ich habe etwas Besseres: eine 85-jährige Mutter, die mich morgens nach dem Frühstück mit dem Lastenfahrrad zur Arbeit fährt.
Das ist nachhaltig, liebevoll, leicht absurd und wahrscheinlich der einzige Arbeitsweg, bei dem man gleichzeitig befördert, beschämt und umsorgt wird.
Und falls jemand fragt, ob mir das nicht peinlich ist: ein bisschen vielleicht.
Aber ich komme pünktlich an. Und ich hatte Frühstück.
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