Ein Kommentator schrieb über den Siegersong des diesjährigen ESC: „Dieser Song hat eine ganz andere Qualität.“ Das ist ein mutiger Satz. Ungefähr so mutig wie „Diese Tiefkühlpizza hat eine ontologische Wucht“. Man kann ihn sagen. Aber danach sollte jemand das Kulturressort kurz lüften.
Bulgarien hat den 70. Eurovision Song Contest in Wien mit Dara und „Bangaranga“ gewonnen. 516 Punkte, erster Sieg für das Land, große Bühne, großes Licht, großes Raunen. Und schon greift die Kommentatorenhand nach dem schwersten Besteck: Qualität. Da liegt sie dann, diese Qualität, zwischen Nebelkanone und Televoting, wie ein Doktortitel auf einem Glitzerbody.
Natürlich darf man den Song mögen. Man darf beim ESC sogar Dinge mögen, die außerhalb dieser drei Minuten vor dem Internationalen Strafgerichtshof für Geschmack landen müssten. Das ist ja der Vertrag: Europa tut so, als sei es eine Familie, und stimmt anschließend nach Nachbarschaft, Diaspora, Laune und Bühnendruck ab. Wie Weihnachten, nur mit mehr Pyrotechnik und weniger ehrlicher Abneigung.
Die Hochkultur im Nebelwerfer
Wer beim ESC „Qualität“ sagt, möchte meist nicht Musik beschreiben, sondern sich selbst entlasten. Man hat drei Stunden lang eine Sendung gesehen, in der Staaten ihre Identität als Bühnenunfall mit Refrain einreichen, und plötzlich braucht man Würde. Also wird aus einem Popsong ein „Beitrag“. Aus einem Refrain wird „Struktur“. Aus Rhythmus wird „andere Qualität“. Der Mensch ist eben ein Tier, das sich schämt, wenn es Spaß hatte.
Der ESC ist kein Qualitätswettbewerb. Er ist ein europäischer Seismograph für Projektion. Er misst nicht, welches Lied am besten ist, sondern welche Mischung aus Gefühl, Inszenierung, politischer Lage, Fanmobilisierung und kollektivem Nervenzucken gerade funktioniert. Qualität? Beim ESC ist das die Serviette, mit der man sich nach dem Schokoladenbrunnen die Finger abwischt. Sehr vornehm. Trotzdem klebt alles.
Beim ESC ist Qualität oft nur das Wort, mit dem Erwachsene ihren Spaß nachträglich seriös verkleiden.
Europa singt, während es räuspert
Dieses Jahr war der Wettbewerb erneut politisch aufgeladen: Boykotte, Proteste, Debatten um Israels Teilnahme, Sicherheitsfragen, diplomatische Nerven. Und mittendrin ruft die Show „United by Music“, als könne ein Slogan die Weltlage bügeln. Das ist rührend. Auch mein Toaster nennt sich „Gourmet Station“, trotzdem verbrennt er Brot.
Gerade deshalb ist der ESC interessant. Nicht trotz des Kitsches, sondern wegen ihm. Die Veranstaltung zeigt, wie Europa sich gern sieht: bunt, offen, rührselig, modern. Und sie zeigt, was darunter arbeitet: Interessen, Bündnisse, Kränkungen, Marktlogik, nationale Eitelkeit. Es ist ein Gipfeltreffen der weichen Macht mit Windmaschine. Man trägt Pailletten, damit man die Risse nicht sieht.
Die Jury der Selbsttäuschung
Der Satz von der „anderen Qualität“ verrät also weniger über „Bangaranga“ als über uns. Wir wollen Pop, aber bitte mit Abitur. Wir wollen Spektakel, aber im Nachhinein soll es nach Kulturförderung riechen. Wir wollen abstimmen, fiebern, lästern, jubeln, und am Morgen danach sagen: Nein, nein, das war ein ästhetisches Urteil. Sicher. Und der Schaumwein war Mineralwasser mit Ambition.
Dabei wäre Ehrlichkeit viel befreiender. Der ESC ist nicht die Rettung der europäischen Kultur. Er ist ihr jährliches Kostümfest. Manchmal gewinnt dabei ein guter Song. Manchmal gewinnt ein Moment. Manchmal gewinnt ein Land, weil drei Minuten lang alles zusammenpasst: Stimme, Bild, Erzählung, Zufall, Abstimmungspsychologie. Das ist nicht nichts. Aber es ist auch nicht automatisch Qualität. Es ist Wirkung. Und Wirkung ist die kleine, laute Cousine der Kunst.
Mein Fazit
Man darf den ESC lieben. Man darf Dara feiern. Man darf „Bangaranga“ für mitreißend halten. Aber wer „Qualität“ sagt, sollte wissen, welches Museum er gerade in eine Hüpfburg stellt. Der ESC ist wertvoll, weil er uneindeutig ist: halb Popmesse, halb Politikbarometer, halb Familientreffen der nationalen Neurosen. Ja, drei Hälften. Europa rechnet auch so. Seine Wahrheit liegt nicht in der Qualität, sondern in der Entlarvung: Wenn der Nebel steigt, sieht man plötzlich sehr genau, wer ihn bestellt hat.
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