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Was Josef von Arimatäa zur Weltlage sagen würde

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

Was Josef von Arimatäa zur Weltlage sagen würde


Ein Mann mit Sinn für Anstand und Bestattungen würde der Gegenwart vermutlich vor allem eines attestieren: Sie verwaltet Krieg, Freiheit, Klima und Moral mit erschreckender Professionalität.
Von Ralf Schönert  •  6. April 2026

Vielleicht würde Josef von Arimatäa heute nichts Frommes sagen, sondern nur dies: Ihr habt aus der Welt ein Grab gemacht, aber eines mit Presseabteilung. Zwischen Kriegen, Bündnisnervosität, Zollpolitik und schwindender Freiheit wirkt die Gegenwart wie ein System, das Krisen nicht löst, sondern professionell verwaltet.

Josef war, historisch nüchtern betrachtet, ein Mann der Zwischenräume: fromm genug für Anstand, nah genug an der Macht, um noch handeln zu können. In der Gegenwart würde er wohl zuerst die Meisterschaft bestaunen, mit der Katastrophen in Gipfel, Lagebilder und Sprachregelungen übersetzt werden.

Die Weltlage ist nicht nur gefährlich. Sie ist routiniert gefährlich. Der Krieg in der Ukraine dauert an, Gaza bleibt trotz Diplomatie ein Ort anhaltender Gewalt, und selbst im Westen ist die Sicherheitsgarantie zur Verhandlungsmasse geworden. Das eigentlich Moderne daran ist nicht der Schrecken, sondern seine gute Organisation.

Anstand im Zeitalter der Kulissen

Freedom House registriert den zwanzigsten Rückgang globaler Freiheit in Folge. Der Niedergang kommt heute geschniegelt daher: mit Wahlritualen, Notstandslogik und der Behauptung, man müsse die Demokratie leider retten, indem man sie etwas enger auslegt.

Josef hätte das vermutlich erkannt. Macht war schon im alten Jerusalem kein moralisches Seminar. Neu ist nur der Komfort, mit dem heutige Eliten Verantwortung auslagern und dabei unentwegt Werte beschwören. Das Gewissen reist Business Class, die Folgen fahren Güterzug.

Die Gegenwart ist nicht sprachlos; sie besitzt nur längst für jedes Elend die passende Pressemitteilung.

Erlösung gegen Aufpreis

Auch ökonomisch ist die Epoche sauber sortiert: neue Zölle hier, neue Abhängigkeiten dort, neue Lieferkettenangst überall. Selbst die Unordnung wird inzwischen als Geschäftsmodell verwaltet, vorzugsweise mit nationalem Pathos und globaler Rechnung.

Dazu passt die Klimabilanz: Die WMO bestätigt die heißeste Dekade seit Messbeginn. Doch auch dafür hat die Gegenwart schon den richtigen Ton gefunden: betroffen, ambitioniert, vertagt. Selbst die Erderhitzung bekommt heute eine Arbeitsgruppe, bevor sie ein Problem lösen darf.

Der Trost der professionellen Empörung

Vielleicht wäre Josef also gar nicht entrüstet, sondern nüchtern. Er würde sehen, dass moderne Gesellschaften weniger am Mangel an Information leiden als am Überfluss an Ausreden. Jeder weiß genug, fast niemand verzichtet rechtzeitig.

Und dann würde er womöglich die schlichteste Frage stellen: Wen begrabt ihr hier eigentlich zuerst - die Wahrheit, das Maß oder die Verantwortung? Die Pointe unserer Zeit ist ja nicht ihre Bosheit, sondern ihr Verwaltungstalent.

Mein Fazit

Mein Verdacht: Josef von Arimatäa würde uns keine Erlösung predigen, sondern Ordnung im moralischen Inventar verlangen. Eine Zivilisation, die Kriege, Freiheit, Klima und Wahrheit nur noch moderiert, hat das Grab nicht überwunden. Sie hat es bloß digitalisiert.

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