Deutschland hat wieder geliefert. Nicht etwa Tempo, Mut oder politische Eleganz — nein, das wäre ja exzentrisch. Stattdessen gibt es zum Frühjahr 2026 zwei wunderbar bezeichnende Korrekturen am kaputten Alltagszirkus: weniger Lachgas für Minderjährige und mehr ordnungsliebende Feinarbeit am E-Scooter. Anders gesagt: Erst versucht man, Jugendlichen den chemischen Kurzurlaub aus dem Automaten zu erschweren, dann optimiert man die mobile Gehwegbelästigung technisch nach.
Das ist in seiner Gesamtheit so deutsch, dass man beim Lesen fast automatisch einen Verwaltungsvorgang faltet.
Beim Lachgas hat der Staat nun immerhin gemerkt, dass es keine Sternstunde des Jugendschutzes ist, wenn Minderjährige sich mit Distickstoffmonoxid in einen billigen Disco-Nebel fürs Gehirn schießen können. Eine bestechende Erkenntnis. Fast revolutionär. Offenbar musste erst ein ganzes Heer aus besorgten Erwachsenen feststellen, dass „Partydroge legal, günstig und niedrigschwellig verfügbar“ am Ende nicht zu mehr Bildungsaufstieg und Flötenunterricht führt, sondern zu genau dem, was jeder normale Mensch nach fünf Sekunden hätte prognostizieren können: Missbrauch.
Jetzt also Einschränkungen bei Verkauf und Vertrieb. Schön und gut. Nur wirkt das alles wieder wie das klassische deutsche Prinzip: Erst jahrelang zuschauen, dann überrascht tun, dann eine Regel erlassen und sich dafür feiern, als hätte man soeben das Penicillin neu entdeckt. Der Staat ist in solchen Momenten wie ein Hausmeister, der seelenruhig zusieht, wie die Wohnung brennt, um dann stolz ein Schild aufzuhängen: Rauchen ab sofort unerwünscht.
Und dann die E-Scooter. Diese elektrisch betriebenen Beweise dafür, dass nicht jede „smarte“ Idee einen gesellschaftlichen Mehrwert hat. Kaum ein Verkehrsmittel verkörpert unsere Zeit so präzise: nervös, rücksichtslos, schlecht geparkt und immer mit dem stillen Versprechen, dass schon irgendwer anders den Dreck wegräumt. Der E-Scooter ist im Grunde das Totemtier des urbanen Infantilismus.
Natürlich wird jetzt wieder nachreguliert. Glocke hier, technische Sicherheitsanforderung da, Batteriestandards dort. Alles vernünftig, alles überfällig, alles ein bisschen peinlich. Denn auch hier lautet die eigentliche Geschichte nicht: „Der Staat sorgt verantwortungsvoll für Sicherheit.“ Die eigentliche Geschichte lautet: Man hat erst einen Haufen halbgare Mikromobilität in den öffentlichen Raum geschüttet und bemerkt dann mit der Gravitas einer späten Behördenmitteilung, dass Fahrzeuge offenbar doch gefährlich, brennbar und störend sein können. Faszinierend. Als Nächstes entdeckt man wahrscheinlich, dass Regen Nässe verursacht.
Das Schönste an beiden Themen ist aber ihr gemeinsamer Sound. Hier die Sorge, dass Jugendliche sich mit Lachgas die letzten Reste Aufmerksamkeit aus dem Schädel kichern. Dort die Sorge, dass E-Scooter nicht nur Wege blockieren, sondern womöglich auch noch technisch sauberer reguliert werden müssen. Die Republik arbeitet sich damit exakt an den Symptomen ihrer eigenen Lächerlichkeit ab: auf der einen Seite betäubter Eskapismus, auf der anderen rollende Rücksichtslosigkeit mit Akku.
Man könnte fast Mitleid bekommen, wenn das alles nicht so erbärmlich vorhersehbar wäre.
Denn diese Gesetze und Verordnungen erzählen viel weniger über Sicherheit oder Fortschritt als über eine Gesellschaft, die jeden Unsinn erst industrialisiert, skaliert und verharmlost, bevor sie ihn mit ernster Miene verwaltungsrechtlich einhegt. Wir schaffen erst das Problem, dann die App, dann die Empörung, dann die Pressemitteilung und am Ende die Vorschrift. Das ist kein Gestaltungswille. Das ist Schadensverwaltung mit amtlichem Briefkopf.
Unterm Strich bleibt ein ziemlich treffendes Bild des Landes:
Die Jugendlichen sollen bitte nicht benebelt werden, und die Erwachsenen bitte nur mit normgerechter Klingel angefahren.
Zivilisation 2026. Ganz große Oper für Menschen, die es nicht schaffen, weder mit Kartuschen noch mit Leihrollern vernünftig umzugehen.
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