Direkt zum Hauptbereich

80 Jahre Nürnberger Urteile

POLITIK / GESCHICHTE / GESELLSCHAFT

80 Jahre Nürnberger Urteile


Was vom Versprechen des internationalen Strafrechts geblieben ist und warum Nürnberg in einer Zeit neuer Kriege, Massengewalt und politischer Doppelstandards wieder bedrängend aktuell wirkt.
Von Ralf Schönert  •  1. Oktober 2026

Vor 80 Jahren, am 30. September und 1. Oktober 1946, sprach das Internationale Militärtribunal in Nürnberg seine Urteile. Der historische Einschnitt lag nicht nur in der Bestrafung nationalsozialistischer Hauptverbrecher. Nürnberg setzte einen Maßstab: Auch politische und militärische Führung kann für Angriffskrieg, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit persönlich verantwortlich gemacht werden. Dieses Versprechen lebt fort. Aber seine Durchsetzung bleibt bis heute lückenhaft.

Nürnberg war ein Bruch mit einer alten Staatsräson, nach der Gewalt von oben politisch erklärt, aber juristisch kaum erreicht werden konnte. Das Tribunal definierte und verfolgte Verbrechen gegen den Frieden, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Zugleich war das Verfahren, trotz aller historischen und politischen Begrenzungen, ausdrücklich als Gerichtsverfahren mit Verteidigung, Beweisaufnahme und richterlicher Entscheidung angelegt. Gerade darin lag seine nachhaltige Bedeutung: Nicht bloße Vergeltung, sondern rechtlich gebundene Verantwortlichkeit.

Wer heute auf Nürnberg blickt, sieht deshalb zweierlei. Einerseits den Beginn einer neuen Rechtsidee, die individuelle Schuld auch an staatlich organisierter Massengewalt benennbar machte. Andererseits den Anfang eines bis heute unvollendeten Projekts. Denn das internationale Strafrecht ist seit 1946 gewachsen, aber nie zu einer wirklich gleichmäßig durchsetzbaren Weltrechtsordnung geworden. Seine normative Autorität ist größer als seine politische Macht.

Der Maßstab von Nürnberg

Die Vereinten Nationen bestätigten schon im Dezember 1946 die in Nürnberg anerkannten Rechtsgrundsätze; 1950 formulierte die Völkerrechtskommission daraus die sogenannten Nürnberger Prinzipien. Zentral war die Einsicht, dass sich niemand mit Amt, Staatsraison oder nationalem Recht der Verantwortung für internationale Kernverbrechen entziehen darf. Damit entstand ein Fundament, auf dem spätere Konventionen und Gerichte aufbauen konnten.

Gleichwohl war Nürnberg kein makelloser Ursprung. Das Tribunal stand im Kontext des Sieges der Alliierten, und nicht alles, was wir heute unter internationaler Strafjustiz verstehen, war dort bereits klar ausgebildet. Selbst der Begriff des Genozids spielte in der Anklage eine Rolle, wurde im Urteil aber nicht als eigenständige Rechtskategorie entfaltet. Nürnberg war daher weniger die Vollendung als die Eröffnung eines neuen Rechtsdenkens.

Nürnberg war der Moment, in dem Macht erstmals nicht nur historisch verurteilt, sondern in den Anspruch des Rechts übersetzt wurde.

Was daraus geworden ist

Der wichtigste institutionelle Erbe dieser Entwicklung ist der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Sein Statut wurde 1998 beschlossen und trat 2002 in Kraft. Der Gerichtshof ist kein Weltstrafgericht mit unbegrenzter Reichweite, sondern ein Gericht letzter Instanz: Er soll nationale Justiz nicht ersetzen, sondern ergänzen. Gerade darin zeigt sich die Stärke und die Schwäche des Systems zugleich. Es respektiert staatliche Souveränität, bleibt aber auf staatliche Mitwirkung angewiesen.

Auch das Verbrechen der Aggression, das gedanklich unmittelbar auf Nürnberg verweist, gehört heute wieder zum System des Gerichtshofs; die Zuständigkeit hierfür wurde 2018 aktiviert. Doch selbst dort, wo Recht vorhanden ist, fehlt oft die politische Durchgriffskraft. Ohne Kooperation bei Ermittlungen, Festnahmen und Überstellungen bleibt internationale Strafjustiz prekär. Das Problem ist also nicht allein ein Mangel an Normen, sondern ein Mangel an konsequenter politischer Bindung an diese Normen.

Warum Nürnberg wieder näher rückt

Nürnberg wirkt heute deshalb aktueller als lange Zeit, weil die Grundfragen zurückgekehrt sind. Angriffskrieg, Vertreibung, gezielte Gewalt gegen Zivilisten und die politische Instrumentalisierung von Recht sind keine überwundenen Kapitel des 20. Jahrhunderts. Die beunruhigende Gegenwart besteht nicht darin, dass die Nürnberger Lehren vergessen wären, sondern darin, dass ihre Geltung immer wieder selektiv verteidigt wird. Gerade diese Selektivität untergräbt Glaubwürdigkeit.

Dennoch wäre es ein schwerer Irrtum, aus den Grenzen des internationalen Strafrechts auf seine Entbehrlichkeit zu schließen. Wer Nürnberg ernst nimmt, darf das Recht nicht am Maßstab seiner vollständigen Perfektion messen. Entscheidend ist, ob die Welt an dem Grundsatz festhält, dass auch Staatsmacht nicht straflos über dem Menschen steht. In einer rauer gewordenen internationalen Ordnung ist schon dieser Grundsatz wieder ein zivilisatorischer Mindestanspruch.

Mein Fazit

Achtzig Jahre nach den Nürnberger Urteilen ist das Versprechen des internationalen Strafrechts weder eingelöst noch gescheitert. Es ist vorhanden, kodifiziert und institutionell verankert, aber politisch verletzlich. Genau darum lohnt der Rückblick. Nürnberg erinnert daran, dass Recht nicht erst dann Bedeutung hat, wenn es allmächtig ist. Es genügt schon, dass es eine Grenze markiert: gegen die Entlastung durch Befehle, gegen die Immunität der Mächtigen und gegen die Behauptung, Verbrechen im Namen des Staates gingen die Menschheit nichts an.

Hinweis für Redaktionen und Blogbetreiber
Wenn Sie diesen Beitrag informativ finden, dürfen Sie ihn gerne zitieren oder verlinken.
Ich freue mich über jede Weiterverbreitung und sachliche Diskussion.
Bitte geben Sie bei Übernahme die Quelle an: meinekommentare.blogspot.com
*Hinweis gemäß Art. 52 DSA (Digital Services Act der EU) – seit 01.08.2025 verpflichtend: Das verwendete Bild- und Grafikmaterial ist KI-generiert. Ausnahmen sind unter dem jeweiligen Objekt gekennzeichnet.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zitate: Arthur Schopenhauer und der Nationalstolz – Biografie und Deutung eines kritischen Gedankens

Arthur Schopenhauer (1788–1860) gilt als einer der bedeutendsten deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts. Geboren in Danzig als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns, verbrachte er seine Kindheit in Hamburg und studierte später Philosophie in Göttingen und Berlin. Früh beeinflusst durch Kant, entwickelte er eine eigene metaphysische Weltsicht, die stark vom indischen Denken sowie dem Pessimismus geprägt war. Sein Hauptwerk, Die Welt als Wille und Vorstellung (1819), wurde zunächst kaum beachtet, erlangte aber später große Wirkung, insbesondere auf Philosophen wie Nietzsche und Künstler wie Wagner oder Thomas Mann. Schopenhauer lebte zeitweise in Weimar, Frankfurt am Main und Italien und führte ein zurückgezogenes Leben, geprägt von kritischer Beobachtung der Gesellschaft. In seinem Spätwerk Parerga und Paralipomena (1851), einer Sammlung von Essays und Aphorismen, formuliert er diesen berühmten Gedanken. Diese Aussage ist eine scharfe Kritik an einer Haltung, die Schopenhauer als int...

Oh Gott, die Isländer haben die Beitrittsverhandlungen zur EU abgelehnt. Werden jetzt die Preise für eingelegten Hering ins Unermessliche steigen?

Es ist passiert. Island hat die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen abgelehnt. Europa taumelt. Die Märkte zittern.  Und irgendwo in einem Edeka in Niedersachsen steht ein Rentner namens Horst vor dem Kühlregal und hält drei Gläser Bismarckhering an die Brust. „Die kriegt ihr nicht“, sagt er. Zu niemandem. Noch.  Der Heringsschock von 2026 Natürlich behaupten sogenannte Fachleute, die Entscheidung Islands werde nicht unmittelbar zu einer Verknappung von eingelegtem Hering führen. Fachleute sagen so etwas immer kurz vor dem Zusammenbruch einer Zivilisation. „Es gibt keinen Grund zur Panik.“ „Die Lieferketten sind stabil.“ „Der Hering ist ausreichend verfügbar.“ Das haben die Römer vermutlich auch über Garum gesagt. Und wo ist Rom heute? Ruinen. Denken Sie darüber nach.  Der Nordatlantik schließt. Nach unbestätigten Berichten hat Island bereits begonnen, sämtliche Heringe zu zählen. Jeder Fisch erhält eine Nummer. Besonders große Exemplare zusätzli...

Schwarze Löcher - Die CDU im Jahre 2025 – Eine Reise ins konservative Niemandsland

Noch ist es 2025. Friedrich Merz steht immer noch an der Spitze der CDU, oder sagen wir lieber: Er sitzt da, wie ein Chefarzt auf einer Station, auf der nur noch Placebos verteilt werden. Der Mann, der einst versprach, die Partei „zu alter Stärke“ zurückzuführen, steht nun mit einem Bein im Faxgerät und dem anderen im Aktienportfolio. Die CDU, das ist jetzt nicht mehr die „Partei der Mitte“, sondern eher der Parteitag der Mitte-Links-gegen-Mitte-Rechts-gegen-Mitte-Mitte. Merz selbst wirkt wie ein schlecht gelaunter Sparkassenberater, der dem Land erklärt, warum es gut ist, wenn keiner mehr weiß, wofür die CDU steht. Die „neue Klarheit“ besteht vor allem aus nostalgischem Nebel und neoliberaler Schonkost. Im Bundestag murmelt man inzwischen ehrfürchtig, die CDU wolle wieder „regierungsfähig“ werden. Das ist süß. Wie ein Vierjähriger, der behauptet, er werde Astronaut – obwohl er panische Angst vor der Badewanne hat. Merz ruft nach Ordnung, Leistung und Eigenverantwortung – also allem,...