Die stille Verschiebung der Entscheidungsgewalt
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich eine Entwicklung vollzogen, die man als stille Machtverschiebung bezeichnen kann: Entscheidungen, die einst in politischen Gremien oder unternehmerischen Führungsetagen getroffen wurden, entstehen heute in den Analyselabors der Berater. Die Boston Consulting Group ist eine der treibenden Kräfte dieser Entwicklung. Sie übersetzt komplexe gesellschaftliche Fragen in strategische Modelle und Zahlenreihen – und prägt damit die Richtung, in die Regierungen und Unternehmen steuern.
Diese Form der Rationalisierung hat Vorteile: Sie ermöglicht strukturiertes Denken, fördert Effizienz und liefert Entscheidungsgrundlagen auf Basis von Daten. Doch sie birgt auch Risiken. Denn wo alles messbar gemacht wird, drohen jene Aspekte verloren zu gehen, die sich nicht in Kennzahlen ausdrücken lassen – soziale Gerechtigkeit, kulturelle Vielfalt, demokratische Teilhabe.
Beratung als neue Form der Governance
Viele Beobachter sprechen heute von einer „Consultocracy“ – einer Herrschaft der Berater. Damit ist nicht gemeint, dass BCG oder ihre Wettbewerber direkt regieren, sondern dass sie als externe Experten in immer mehr Politikfeldern die Richtung vorgeben. Ihre Berichte und Empfehlungen fließen in Gesetzesentwürfe, Strategiepapiere und Regierungsprogramme ein, ohne dass eine öffentliche Kontrolle darüber besteht, wie diese Ergebnisse zustande kommen.
Das zentrale Problem liegt in der fehlenden Transparenz. Beratungsverträge werden oft vertraulich behandelt, Evaluierungen finden selten statt. So entsteht eine Grauzone zwischen staatlicher Verantwortung und privatwirtschaftlicher Expertise. Die Gefahr: Eine technokratische Politik, die sich auf Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit konzentriert, aber demokratische Werte nur noch als Nebenbedingung versteht.
Wege aus der Abhängigkeit
Wie ließe sich dieser Trend umkehren oder zumindest kontrollieren? Eine Möglichkeit wäre, staatliche Analysekapazitäten wieder auszubauen – etwa durch eigene Forschungseinrichtungen oder interdisziplinäre Kompetenzzentren, die strategische Fragen im öffentlichen Interesse bearbeiten. Auch mehr Transparenz bei Beratungsverträgen und eine unabhängige Evaluierung ihrer Ergebnisse könnten helfen, Vertrauen zurückzugewinnen.
Darüber hinaus braucht es eine kulturelle Wende: Politik und Verwaltung müssen lernen, wieder selbst Verantwortung für inhaltliche Entscheidungen zu übernehmen, statt sie auszulagern. Beratung kann wertvoll sein – aber sie darf nicht zum Ersatz für politische Urteilskraft werden.
Schlussgedanke: Die Boston Consulting Group steht exemplarisch für eine Zeit, in der Wissen, Macht und Effizienz zu Leitwerten geworden sind. Doch Demokratie lebt von Auseinandersetzung, Zweifel und öffentlicher Debatte – von genau jenen Elementen also, die in der Sprache der Strategen kaum vorkommen. Eine Gesellschaft, die sich vollständig den Logiken der Beratung unterwirft, verliert am Ende ihre Fähigkeit, sich selbst zu steuern.
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