Mittelmächte im Zeitalter der Festungen – Kanadas „wertebasierter Realismus“ als Programm und Warnung
Bei der Vielzahl an Reden auf dem diesjährigen World Economic Forum in Davos hat mich – unter allen Beiträgen – die Ansprache des kanadischen Premierministers Mark Carney besonders überzeugt. Sie sticht heraus, weil sie die gegenwärtige Weltlage nicht beschönigt, sondern als das beschreibt, was sie zunehmend ist: ein System wachsender Rivalität zwischen Großmächten, in dem wirtschaftliche Verflechtung immer häufiger als Druckmittel eingesetzt wird.
Carney sprach vor dem Hintergrund sich zuspitzender geopolitischer Spannungen – zwischen Russland, China und den Vereinigten Staaten – und in einem Moment, in dem die internationale Ordnung zusätzlich durch sehr konkrete Konfliktlinien belastet wird: Der US-Präsident Donald Trump droht Verbündeten mit Zöllen und treibt zugleich die Idee voran, Grönland von Dänemark zu erwerben – ausgerechnet von einem NATO-Partner. In dieser Konstellation gewinnt Carneys zentrale Botschaft eine besondere Schärfe: Mittelmächte dürfen sich nicht mehr darauf verlassen, dass Regeln und Institutionen automatisch schützen; sie müssen ihre Handlungsfähigkeit und Resilienz stärken, ohne in eine „Welt der Festungen“ abzugleiten.
Das vollständige Redemanuskript ist auf der WEF-Seite dokumentiert. Die Rede wurde am 20. Januar 2026 um 12:10 Uhr in Davos gehalten:
Historisch interessant ist, wie der Redner den moralischen Ton nicht aufgibt, ihn aber „entromantisiert“. Havel dient als zweite Leitfigur: „in der Wahrheit leben“ heißt hier nicht Dissidenz im Inneren, sondern Nüchternheit nach außen. Weg mit dem Schild im Schaufenster: Nicht mehr so tun, als funktioniere die „regelbasierte Ordnung“ automatisch, sondern die Rivalität als neue Normalität benennen. Das ist eine rhetorische Abrüstung – und zugleich ein politisches Aufrüstungsprogramm.
Der Dreh- und Angelpunkt lautet: strategische Autonomie. Energie, Ernährung, kritische Rohstoffe, Finanzen, Lieferketten – der Katalog entspricht dem, was auch in Europa seit Jahren diskutiert wird. Aber die Rede setzt einen Kontrapunkt, der oft fehlt: Autonomie als reines „Festungsprojekt“ macht die Welt ärmer, fragiler, weniger nachhaltig. Stattdessen wird Autonomie als geteilte Resilienz angeboten: gemeinsame Investitionen, gemeinsame Standards, Arbeitsteilung als Positivsummenspiel. Das ist der Versuch, nationalen Sicherheitsreflex und multilaterale Vernunft in eine neue Mischform zu zwingen.
Diese Mischform bekommt einen Namen: „wertebasierter Realismus“ – ausdrücklich in Anlehnung an Finnlands Präsidenten Alexander Stubb. Der Begriff ist kein Etikett, sondern eine Bauanleitung: Werte (Souveränität, Menschenrechte, Gewaltverbot) bleiben Maßstab, aber Beziehungen werden „kalibriert“, Koalitionen variieren je nach Thema. Minilateralismus statt Sonntagsmultilateralismus. Stubb selbst definiert diese Linie als Verbindung universeller Werte mit einem realistischen Blick auf Vielfalt und Interessen.
Journalistisch betrachtet liegt die Pointe im Innenpolitischen: Der Redner behauptet, Außenpolitik werde künftig durch Stärke im Inneren gedeckt – industrielle Kapazitäten, Technologie, Rüstung, Infrastruktur. Dazu passt die europäische Debatte über gemeinsame Beschaffung und neue Instrumente; das EU-Instrument SAFE etwa ist genau als Kredit- und Beschaffungshebel gedacht.
Und doch bleiben Spannungen, die man nicht überlesen sollte: Wer „Transaktionspolitik“ kritisiert, kann sich nicht zugleich damit brüsten, in wenigen Tagen neue strategische Partnerschaften mit problematischen Akteuren zu schließen, ohne die eigenen Maßstäbe sichtbar zu machen. Wer Steuern senkt, Billionen investiert und Verteidigungsausgaben verdoppelt, muss erklären, wie fiskalische Realität und politischer Anspruch zusammenfinden. Wertebasierter Realismus wird sonst schnell zu: wertebasierter PR-Realismus.
Am stärksten ist die Rede dort, wo sie Mittelmächte nicht als Zuschauer, sondern als Koalitionsmacht definiert: „Wenn wir nicht am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.“ Das ist hart formuliert – und historisch präzise. Mittelmächte überleben selten durch Anpassung allein, sondern durch Bündelung, Standardsetzung und institutionelle Erfindungskraft. Die eigentliche Frage lautet also nicht: Regeln oder Macht? Sondern: Welche Regeln lassen sich unter Machtbedingungen noch durchsetzen – wenn genug Länder sie gemeinsam tragen?
Meine weiteren Quellen:
https://www.creighton.edu/fileadmin/user/CCAS/departments/PoliticalScience/MVJ/docs/oetken.pdf
https://de.linkedin.com/posts/sascha-weigel_ist-leider-genau-so-genau-die-dinge-die-activity-7419708372511248384-i_9A
https://www.uni-erfurt.de/katholisch-theologische-fakultaet/fakultaet/aktuelles/theologie-aktuell/ohnmacht-des-rechts-und-recht-des-staerkeren-von-melos-zur-ukraine-von-der-antike-in-die-gegenwart
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