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Nikolaus in der Krise: Eine satirische Abrechnung mit dem Heiligen der Werbegeschenke


Es war der 6. Dezember, und wie jedes Jahr bereitete sich der heilige Nikolaus darauf vor, seine ineffiziente PR-Tour durch die mitteleuropäische Mittelschicht anzutreten. Mit seinem abgetragenen roten Mantel, der mehr nach Secondhand-Weihnachtsmarkt roch als nach göttlicher Güte, stand er vor dem Spiegel und fragte sich, warum er sich das immer noch antat. "Früher war ich Bischof. Jetzt bin ich eine Mischung aus Postbote, Psychologe und Kinderschreck. Toller Karriereweg."

Draußen warteten bereits ungeduldige Eltern mit ihren überzuckerten Kindern, die den Nikolaus für eine Mischung aus Influencer, Zauberwesen und Gratis-Geschenke-Automat hielten. Die Kinder hatten monatelang nichts getan außer TikToks gedreht und aus Versehen Hausaufgaben ins Metaversum hochgeladen, aber am 6. Dezember waren sie plötzlich alle „ganz brav gewesen“.

Nikolaus rollte die Augen, als er die erste Tür öffnete. Eine Mutter im Glitzerpulli drückte ihm hektisch ein laminiertes Dossier in die Hand: „Hier steht alles, was Sie über Benni sagen dürfen. Bitte kein Zucker, glutenfreie Bio-Mandarine ist okay, und erwähnen Sie bitte sein kreatives Malbuch, sonst weint er wieder eine Woche lang.“ Der Junge starrte Nikolaus an wie einen kaputten Androiden, dem man nicht ganz traut.

Nikolaus seufzte, holte eine halbgeschälte Mandarine aus seinem Sack (der mittlerweile eher wie eine vergessene Jutetasche vom Bauernmarkt aussah) und begann den Text abzulesen wie ein frustrierter Schauspieler bei der vierten Vorstellung von Kasperl und das Konsumkarussell.

Dann kam Knecht Ruprecht herein, ebenfalls desillusioniert. Früher hatte er einen Ruf als züchtigender Dämon mit Rute und Brimborium. Jetzt durfte er nicht mal mehr streng gucken. "Hast du gehört, in Bayern wurde ich letztes Jahr durch einen pädagogisch zertifizierten Erlebnispädagogen ersetzt? Mit Handpuppe."

Nach zwölf Haushalten, einem Sojalatte und drei Beschwerden über „traumatisierende Nikolausbärte“ war der Abend geschafft. Nikolaus setzte sich erschöpft in seine Kutsche (ein E-Scooter mit LED-Sternenaufklebern), zückte sein Handy und schrieb in seine Notizen: „Nächstes Jahr: Bewerbung bei Amazon. Die liefern wenigstens mit System.“

Und irgendwo, tief in der Nacht, flüsterte der Wind: „Früher war mehr Lametta.“

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