Es gibt Momente, da liefert uns die Wirklichkeit Satire frei Haus. Auf dem Foto stehen zwei Teenager vor einer öffentlichen Telefonzelle – und schauen sie an, als hätte Indiana Jones sie gerade aus dem Dschungel befreit. Eine von beiden zückt das Smartphone, um die archäologische Sensation zu dokumentieren. Willkommen im Freilichtmuseum der jüngsten Vergangenheit, Abteilung „Kommunikationstechnologie, frühes Spätmittelalter des 20. Jahrhunderts“.
Natürlich könnte man jetzt über „die Jugend“ lästern, die angeblich nichts mehr kennt. Aber Hand aufs Herz: Wer von uns hat seit 2010 noch ernsthaft versucht, eine Telefonkarte zu finden? Die Zelle ist nicht nur veraltet, sie ist eine politische Ruine: Sie steht für die Idee, dass Kommunikation eine öffentliche Infrastruktur sein könnte – zugänglich, bezahlbar, ohne Abo-Falle und Daten-Aderlass. Heute leuchten an gleicher Stelle fünf Balken Empfang und ein unsichtbares Preisschild: Aufmerksamkeit, Standort, Kontakte. Zahlung in Echtzeit an die Götter des Werbemarkts.
Die Szene zeigt, wie wir Erinnerung outsourcen. Das Smartphone dient als Gedächtnisprothese: „Foto machen, dann muss ich’s nicht verstehen.“ Früher bedeutete ein Anruf an der Zelle: Münzen sortieren, Nummer parat haben, knapp formulieren. Heute: Flatrate-Gesprächsstrom, unendliches Chatgelaber und dennoch der ewige Mangel an Zeit. Effizienz hat die Kommunikation schneller gemacht – und gleichzeitig so klebrig, dass sie nie mehr aufhört.
Ich mag die stille Komik des Bildes. Die Jugendlichen stehen dort mit echter Neugier, während die Generation, die die Zelle einst benutzte, danebensteht und triumphierend „Früher war alles besser!“ murmelt. War es? Die Warteschlangen bei Nieselregen waren es nicht. Das Wählen der falschen Vorwahl auch nicht. Aber die Anonymität war ein Luxus: Man konnte telefonieren, ohne den Lebenslauf der letzten 24 Stunden zu verraten. Heute ist jedes Gespräch ein Datensatz, jede Verabredung ein Standort-Ping.
Politisch betrachtet ist die Telefonzelle das Mahnmal einer Entscheidung: Privatisierung statt Daseinsvorsorge. Wir haben gelernt, dass Infrastruktur, sobald sie Profit abwirft, plötzlich nicht mehr „öffentlich“ sein muss. Die Ruine erinnert daran, dass Komfort oft mit Kontrollabgabe bezahlt wird. Und dass Dinge, die niemandem gehören, am Ende allen gehören – oder eben niemandem.
Vielleicht deshalb der Museumsblick. Nicht, weil die Jugend ahnungslos wäre, sondern weil sie intuitiv spürt, dass hier eine andere Version von Öffentlichkeit stand: eine, die keine AGB brauchte. Die Zelle ist kaputt, aber die Frage bleibt: Wie viel „öffentlich“ gönnen wir uns noch – in Netzen, in Räumen, in Debatten? Wenn wir nur noch durch private Kanäle sprechen, wird die Demokratie irgendwann so selten wie – nun ja – eine funktionierende Telefonzelle am Waldrand.
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