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Wendepunkt im Kalten Krieg - Der 10. Februar 1967 und die Konsolidierung der Ostpolitik


Der 10. Februar 1967 markiert ein oft übersehenes, aber bedeutsames Ereignis in der Geschichte der deutschen und europäischen Nachkriegsdiplomatie. An diesem Tag trat Willy Brandt – damals Außenminister der Großen Koalition unter Kanzler Kurt Georg Kiesinger – im Bundestag mit einer Grundsatzrede zur Deutschland- und Ostpolitik auf. Diese Rede gilt als ein programmatischer Schritt hin zu jener Politik der Annäherung, die später unter Brandt als Bundeskanzler weltgeschichtlich wirksam werden sollte.

Einordnung in die politische Lage der 1960er Jahre

Die 1960er Jahre waren geprägt von einer doppelten Spannung: einerseits dem ideologischen und militärischen Patt zwischen den Supermächten, andererseits der komplizierten innerdeutschen Situation. Die bis dahin dominierende Hallstein-Doktrin stellte jeden diplomatischen Kontakt anderer Staaten mit der DDR unter "Strafandrohung" der Bundesrepublik. Sie war Ausdruck eines politischen Selbstverständnisses, das die Alleinvertretungsansprüche der BRD rigoros durchsetzen wollte.

Doch Mitte der 1960er Jahre wuchs die Erkenntnis, dass diese Politik in einer sich wandelnden Welt weniger handlungsfähig machte. Internationale Entspannungstendenzen – etwa die beginnenden amerikanisch-sowjetischen Gespräche über Rüstungskontrolle – wirkten auch auf die Bundesrepublik zurück. Der innenpolitische Druck, neue Wege zu beschreiten, stieg.

Die Bedeutung des 10. Februar 1967

Brandts Rede am 10. Februar 1967 war kein abruptes Abweichen von bisherigen Linien, sondern ein vorsichtiges, aber deutliches Signal: Die Bundesrepublik müsse "die Wirklichkeit anerkennen, um sie verändern zu können". Dieser Satz, später vielfach zitiert, stand für eine neue Haltung: Nicht Konfrontation, sondern graduelle Annäherung solle die deutsche Frage langfristig lösbar machen.

Brandt sprach von der Notwendigkeit direkter Kontakte zwischen den Menschen in Ost und West, von praktischen Erleichterungen und von der Bereitschaft, die innerdeutsche Grenze politisch anzuerkennen, ohne sie völkerrechtlich zu legitimieren. Damit bahnte er eine Linie an, die später in den Ostverträgen von 1970/1972 ihren Durchbruch finden sollte.

Die Rede stieß im Bundestag auf gemischte Reaktionen. Während konservative Abgeordnete vor einem "Nachgeben gegenüber dem Kommunismus" warnten, sahen jüngere Sozialdemokraten und Teile der liberalen Öffentlichkeit darin einen dringend notwendigen Realismus. Die Große Koalition bot Brandt zugleich den politischen Schutzraum, erste vorsichtige Schritte der Entspannung einzuleiten.

Historische Wirkung

Rückblickend zeigt sich, dass dieses Ereignis zu den zentralen Weichenstellungen für die spätere Neue Ostpolitik gehörte. Es war ein Moment, in dem sich unterhalb des öffentlichen Radars ein strategischer Kurswechsel konsolidierte. Der 10. Februar 1967 steht damit für die langsame Abkehr von einer Politik der starren Abgrenzung und für den Beginn eines Dialogs, der später zur Entspannung in Europa beitragen sollte.

Meine Quellen:

  • Deutscher Bundestag: Stenografischer Bericht der 81. Sitzung vom 10. Februar 1967.

  • Winkler, Heinrich August: Der lange Weg nach Westen. Band 2: Deutsche Geschichte vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung. München 2000.

  • Schmidt, Helmut: Menschen und Mächte. Berlin 1987.


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