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Es ist etwas faul im Kern einer Gesellschaft, wenn sie ihren Reichtum vermehrt, ohne ihr Elend zu verringern

Die Aussage „Es ist etwas faul im Kern einer Gesellschaft, wenn sie ihren Reichtum vermehrt, ohne ihr Elend zu verringern“ wird häufig Karl Marx zugeschrieben, lässt sich jedoch in dieser Form in keinem seiner überlieferten Werke nachweisen. Weder im Kapital noch im Kommunistischen Manifest oder in seinen ökonomischen Manuskripten taucht dieses Zitat wörtlich auf. Es handelt sich vielmehr um eine moderne, pointierte Formulierung, die zentrale Gedanken der marxistischen Kapitalismuskritik in vereinfachter Weise wiedergibt. Dennoch lohnt sich ein genauerer Blick auf den gedanklichen Gehalt dieser Aussage und ihre Nähe zur marxistischen Theorie.

Marx betrachtete die kapitalistische Gesellschaftsordnung als ein System, in dem die Mehrung von Reichtum systematisch mit der Reproduktion von Armut verknüpft ist. In Das Kapital beschreibt er, wie die Akkumulation des Kapitals – also die stetige Vermehrung des Reichtums auf Seiten der Kapitalistenklasse – untrennbar mit der Verschärfung der Lebenslage der arbeitenden Klasse einhergeht. Besonders deutlich wird dies in einem vielzitierten Passus des ersten Bandes, wo er formuliert, dass „die Akkumulation des Reichtums auf dem einen Pol […] gleichzeitig Akkumulation von Elend, Arbeitsqual, Sklaverei, Unwissenheit, Brutalisierung und moralischer Degradation auf dem Gegenpol“ sei. Hier wird klar: Für Marx ist die kapitalistische Produktion nicht nur ungerecht, weil sie Reichtum ungleich verteilt, sondern weil sie strukturell dazu führt, dass das Elend der einen Voraussetzung für den Reichtum der anderen ist. Eine Gesellschaft, die ihren materiellen Wohlstand steigert, ohne dabei die Lebensbedingungen der benachteiligten Mehrheit zu verbessern, offenbart für ihn einen fundamentalen Systemfehler.

Insofern bringt das eingangs zitierte Bonmot einen wesentlichen Aspekt der Marx’schen Kritik auf den Punkt, auch wenn es als wörtliches Zitat nicht authentisch ist. Es artikuliert die Überzeugung, dass der moralische und ökonomische Zustand einer Gesellschaft nicht allein an ihrem Reichtum zu messen ist, sondern daran, wie dieser verteilt ist und ob er zur Überwindung von Not und Ungleichheit beiträgt. Die Idee, dass eine Gesellschaft an der Verteilung ihrer Ressourcen zu messen ist, ist damit nicht nur ein moralisches Urteil, sondern Ausdruck eines grundlegenden Analyseprinzips der marxistischen Ökonomie. Der Vorwurf, dass etwas „faul im Kern“ der Gesellschaft sei, verweist daher auf die strukturelle Widersprüchlichkeit kapitalistischer Entwicklung: Fortschritt für wenige geht mit Stillstand oder Rückschritt für viele einher.

Wer sich also dieses Zitats bedient, gibt nicht ein authentisches Wort von Marx wieder, sondern bringt eine verdichtete Interpretation seiner Theorie zum Ausdruck – eine Interpretation, die in der heutigen Debatte über soziale Ungleichheit, Vermögensverteilung und kapitalistische Krisenbewältigung nichts von ihrer Relevanz verloren hat.

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