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zum 10. Todestag von Helmut Schmidt: Der letzte Raucher der Republik – oder wie ein Wehrmachtsoffizier zum linken Orakel im Raucherzimmer wurde

Es gibt Karrieren, bei denen man sich fragt, ob sie geplant waren oder ob einfach niemand rechtzeitig eingeschritten ist. Bei Helmut Schmidt ist die Sache klar: Das war kein Aufstieg, das war ein Durchmarsch. Vom Wehrmachtsoffizier zum Bundeskanzler, vom militanten Pflichtmenschen zum säkularen Schutzpatron der SPD. Und dabei immer mit einer Zigarette in der Hand, als sei das Nikotin sein heiliges Zepter. Deutschland, ein Land, in dem man sich für moralische Autorität qualifiziert, indem man in grauem Anzug möglichst oft "Verantwortung" sagt und dabei aussieht wie ein melancholischer Schachspieler mit Kriegsvergangenheit.

Schmidt war nicht nur ein Politiker, er war ein Lebensgefühl. Eine Mischung aus Leitartikeln, Latrinenparolen und Lateinunterricht. Man hatte bei ihm stets das Gefühl, dass er einem gleich ein Zitat von Seneca um die Ohren haut, wenn man nicht schnell genug "Selbstdisziplin!" ruft. Er war der Typ Mensch, der in einer Naturkatastrophe zuerst den Wasserstand misst, dann einen Aktionsplan schreibt und danach den Leuten erklärt, warum ihre Gefühle jetzt nicht angebracht sind.

Die SPD verliebte sich übrigens sofort in ihn. Und warum? Weil er war, was sie nie war: klar, kalt und konsequent. Während sich die Sozialdemokratie seit Jahrzehnten wie ein betrunkener Teenager durch den politischen Wertehaushalt tastet, war Schmidt der Papa mit der Taschenlampe, der nicht lachte, aber trotzdem wusste, wo's langging. Ein Mann, der in Krisen keine Reden schwang, sondern gleich den Bundesgrenzschutz.

Ja, er war bei der Wehrmacht. Und nein, das war damals kein seltener Karriereweg. Aber Schmidt schaffte es, diese Tatsache so beiläufig und sachlich zu präsentieren, dass man sich selbst wie ein hysterischer Teenager fühlte, wenn man danach fragte. "Ich habe nur Befehle befolgt" klingt bei ihm irgendwie wie ein intellektueller Diskursbeitrag und nicht wie das, was es ist. Die deutsche Gesellschaft, ohnehin großzügig beim Wegschauen, fand das natürlich angenehm pragmatisch.

Und so wurde er das, was man heute "Staatsmensch" nennt, wenn einem das Wort "Charismavakuum" zu hart erscheint. Er sprach wie ein Lexikon mit Hang zur Nostalgie, er dachte in geopolitischen Achsen, und er regierte wie ein Chefingenieur, der aus Versehen Bundeskanzler geworden ist. Kein Wunder, dass sich selbst seine Kritiker dabei ertappten, ihm zuzuhören wie einem brummigen Großvater, der zwar streng ist, aber bestimmt irgendwie recht hat.

Dabei war Schmidt gar kein Linker im klassischen Sinn. Er mochte die Wirtschaft, er mochte Disziplin, er mochte Ordnung. Was er weniger mochte: Sozialromantik, Ideologien, oder wenn jemand beim Reden die Hände zu sehr bewegte. Trotzdem wurde er der Posterboy einer SPD, die sich selbst nicht mehr verstand. Man hängte sein Porträt in jedes Parteibüro, als wolle man sagen: "Sieh her, wir hatten mal einen, der nicht gestammelt hat."

Seine Bewunderung für Realpolitik war so groß, dass man manchmal das Gefühl hatte, er wäre lieber NATO-Generalsekretär geworden als Kanzler. Er liebte das Militärische, aber ohne Pathos. Das war bei ihm alles rein technokratisch. Als wäre Krieg nichts weiter als ein schlecht geplanter Verwaltungsakt mit erhöhtem Lärmpegel. Als die RAF Bomben legte, legte Schmidt Verfassungsgrundsätze zur Seite. Sicherheit ging vor, und wer das anders sah, war halt naiv oder zu jung, um zu rauchen.

Und wie wurde dieser Mensch zur moralischen Instanz? Ganz einfach: Er überlebte. Die meisten anderen Kanzler zerfielen irgendwann zu Parteikarikaturen oder RTL-Zeitzeugen. Schmidt hingegen alterte wie ein gut getarnter Panzer: immer noch funktionstüchtig, aber zunehmend dekorativ. Er schrieb Bücher, in denen er sich selbst zitiert, gab Interviews, in denen er Fragen als Störgeräusche wahrnahm, und saß bei Anne Will wie ein lebendiger Eintrag im Brockhaus.

Er war der letzte Politiker, der noch im Fernsehen rauchen durfte, und das war kein Zufall. Schmidt ohne Zigarette war wie die SPD ohne schlechtes Gewissen: einfach nicht glaubwürdig. Das Rauchen wurde zu seiner Version des Heiligenscheins. Jede Talkshow, in der er sich eine anzündete, wurde zur Pilgerreise für alle, die glaubten, Politik sei einst noch "echt" gewesen. Dabei war sie auch damals schon voller Verdrängung, Machtspiele und kalkuliertem Zynismus – nur eben mit mehr Tabakgeruch.

Dass er sich am Ende seiner Karriere selbst als eine Art nationaler Opa stilisierte, der allen mal erklärt, wie der Laden wirklich läuft, passte ins Bild. Schmidt war wie ein philosophierender Hausmeister, der die Weltordnung erklärte, während er die Heizung entlüftet. Und alle nickten, weil sie Angst hatten, dass er sonst über ihre Unbildung referiert.

Heute wird er gerne als moralischer Leuchtturm bezeichnet, was natürlich kompletter Unsinn ist. Schmidt war kein Leuchtturm, er war ein Betonklotz mit Glühbirne: stabil, unbeeindruckt, und völlig unbeeindruckt davon, was andere davon hielten. Genau deshalb liebte man ihn. Weil er so war, wie man selbst gerne wäre: souverän, gebildet, und völlig immun gegen den Irrsinn des 21. Jahrhunderts.

Und so bleibt er bis heute das, was man in der SPD immer wieder sucht und nie findet: Ein linker Technokrat mit Autoritätsgehabe. Ein Realist mit Moralanspruch. Ein Kriegsvergangenheitsmensch mit Zeigefinger und Zigarettenstummel. Kurz: ein Orakel. Aber nicht irgendeines, nein. Das linke Orakel im Raucherzimmer. Dort sitzt er bis heute – symbolisch natürlich – auf einem gepolsterten Ledersessel, neben einem alten Globus und einem halbvollen Aschenbecher. Wenn man ganz still ist, hört man ihn murmeln: "Früher war mehr Disziplin."

Und die SPD? Die nickt, zieht die Jalousien runter und fragt sich leise, warum eigentlich keiner mehr zuhört.

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