Nicht jedem Applaus folgen – Warum Politik Haltung zeigen muss #Demokratie #Sozialdemokratie #PolitikMitHaltung
In letzter Zeit höre ich häufiger Sätze wie: „Ihr müsst wieder den Leuten aufs Maul schauen“ oder „Man muss der Straße zuhören und aufhören, ihr zu erklären, was sie wie zu sehen hat.“ Solche Aussagen wirken kraftvoll, beinahe rebellisch. Doch sie lenken ab vom eigentlichen Kern politischer Verantwortung. Politik darf sich nicht nur als Resonanzboden begreifen – sie muss auch Orientierung geben. Ein paar Gedanken dazu:
Warum man der Straßenmeinung erklären muss, was sie wie zu sehen hat
Die sogenannte „Straßenmeinung“ gilt vielen als Stimme des Volkes, als unmittelbarer Ausdruck des gesunden Menschenverstands. Doch in Wahrheit ist sie selten ein klarer Kompass. Sie speist sich aus Alltagserfahrungen, aber auch aus Emotionen, Vorurteilen, Schlagzeilen und Halbwissen. Wer sie zur politischen Richtschnur erhebt, gibt Rationalität und Differenzierung auf.
Demokratische Politik ist mehr als das Nachplappern populärer Meinungen. Sie hat die Aufgabe, Zusammenhänge zu erklären, faktenbasiert zu argumentieren – und notfalls auch unbequeme Wahrheiten zu vertreten. Hätte man in der Vergangenheit stets nach „Mehrheitsmeinung“ regiert, gäbe es keine Gleichstellung, keine Atomwende, keine Antidiskriminierungsgesetze.
Wer sich politisch nicht mehr traut, der Straße zu widersprechen, gibt sich dem Stimmungsdruck hin. Und wer aufhört zu erklären, verliert den Anspruch, Politik gestalten zu wollen. Er wird zum Getriebenen.
Der demokratische Diskurs lebt nicht von Anpassung, sondern von Haltung. Zuhören ist richtig – aber wer Verantwortung trägt, muss auch sagen können: So einfach ist es nicht.
Denn nicht die Straße allein bestimmt den Kurs. Sondern das Zusammenspiel aus Erfahrung, Fakten, Debatte – und Überzeugung.
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