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Der Tag, an dem die Prohibition die USA veränderte


Der 16. Januar 1919 markiert einen Wendepunkt in der politischen und gesellschaftlichen Geschichte der Vereinigten Staaten. An diesem Tag wurde der 18. Verfassungszusatz ratifiziert, der die Herstellung, den Verkauf und den Transport alkoholischer Getränke verbot – ein Ereignis, das als Beginn der Prohibition in die Geschichte einging. Was als moralisch motiviertes Reformprojekt begann, entwickelte sich binnen kurzer Zeit zu einem sozialen und politischen Brennpunkt mit weitreichenden Folgen.

Die Prohibition war tief verwurzelt in der Temperenzbewegung des 19. Jahrhunderts, die Alkohol als Kern vieler gesellschaftlicher Missstände betrachtete. Der Erste Weltkrieg beschleunigte diesen Trend: Alkohol galt als Verschwendung wertvoller Ressourcen, und besonders deutsch-amerikanische Brauereien gerieten unter Generalverdacht. Die Ratifizierung des 18. Amendments schien daher die logische Konsequenz einer breiten gesellschaftlichen Stimmung.

Doch mit dem gesetzlichen Verbot begann ein komplexes soziales Experiment, dessen Ergebnisse die politische Landschaft der USA nachhaltig prägten. Während der Konsum von Alkohol zunächst tatsächlich zurückging, führte die Prohibition gleichzeitig zur Entstehung eines hochorganisierten Schwarzmarktes. Illegale Bars – die sogenannten „Speakeasies“ – entstanden in allen größeren Städten, häufig kontrolliert von kriminellen Syndikaten. Berüchtigte Figuren wie Al Capone nutzten das Vakuum, das staatliche Eingriffe geschaffen hatten, und bauten einflussreiche Netzwerke auf, die weit über den Alkoholhandel hinausreichten.

Die staatlichen Behörden, insbesondere das Bureau of Prohibition, waren finanziell und personell überfordert. Korruption griff um sich, während die Bevölkerung das Gesetz zunehmend offen missachtete. Die Prohibition, ursprünglich als moralische Erneuerung gedacht, führte paradoxerweise zu einer Erosion staatlicher Autorität und Glaubwürdigkeit. Bis Anfang der 1930er Jahre hatte sich ein breiter gesellschaftlicher Konsens gebildet, dass das Experiment gescheitert war. 1933 wurde die Prohibition mit dem 21. Amendment offiziell aufgehoben – ein bis heute einzigartiger Vorgang in der US-amerikanischen Verfassungsgeschichte.

Der 16. Januar 1919 bleibt daher ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie tiefgreifend politische Entscheidungen in das soziale Gefüge eines Landes eingreifen können. Die Prohibition zeigt, wie moralischer Idealismus, gesellschaftlicher Druck und politische Opportunität ineinander greifen – und wie unbeabsichtigte Nebenwirkungen ein ganzes Reformprojekt ins Gegenteil verkehren können. Ihre Geschichte ist nicht nur ein Kapitel amerikanischer Politik, sondern ein Lehrstück über die Komplexität gesellschaftlicher Steuerung.

Meine Quellen:

Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): „Die Prohibition in den USA“, Hintergrundartikel.

Behr, Edward: Prohibition. Wie ein Land seine Freiheit verlor, München: DVA, 1997.

 

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