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Möglicher Friede mit vielen Fragezeichen


Am 14. Oktober 2025 ist die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas offiziell besiegelt worden. Kernstücke: die Freilassung der letzten 20 lebenden israelischen Geiseln sowie die parallele Freilassung von rund 2.000 palästinensischen Gefangenen und Inhaftierten. Begleitet wird der Schritt von der Zusage massiver humanitärer Hilfen und einer schrittweisen militärischen Deeskalation im Gazastreifen. Politisch wurde die Einigung maßgeblich von den USA, Katar, Ägypten und der Türkei vermittelt; es ist der bislang weitreichendste Versuch seit Kriegsbeginn 2023, die Gewalt zu beenden und einen politischen Prozess zu eröffnen.

Erinnerung an Sykes‑Picot (1916)

Der Blick zurück lohnt: Das Sykes‑Picot‑Abkommen war 1916 eine geheime Absprache zwischen Großbritannien und Frankreich (mit Zustimmung Russlands), die die Aufteilung der arabischen Provinzen des zerfallenden Osmanischen Reichs in Einflusszonen der Entente festlegte. Es war ein Produkt des imperialen Zeitalters – ohne legitime regionale Mitsprache – und steht bis heute symbolisch für die koloniale Neuordnung des Nahen Ostens. Viele der späteren Mandatsgrenzen, Verwaltungslogiken und Loyalitätskonflikte trugen diesen Stempel.

Warum die damaligen Protagonisten heute nicht am Tisch sitzen

Erstens hat sich die Machtlandschaft grundlegend verschoben. Das Osmanische Reich existiert nicht mehr; an seine Stelle trat die Republik Türkei, die heute als Regionalmacht mit eigenen Sicherheitsinteressen agiert – aber nicht als imperiale Ordnungsmacht. Großbritannien und Frankreich sind keine Kolonialmächte mehr, ihre Hebel sind eher diplomatisch‑humanitär und wirtschaftlich, nicht militärisch bestimmend. Russland ist zwar globaler Akteur, aber im Gaza‑Konflikt weder zentraler Sicherheitsgarant noch bevorzugter Vermittler.

Zweitens hat die Legitimitätslogik gewechselt: Friedensformate müssen heute – ob unvollkommen oder nicht – regionale Akzeptanz und lokale Umsetzung gewährleisten. Das favorisiert Vermittler wie Katar, Ägypten und die Türkei, die sowohl Kommunikationskanäle zu nichtstaatlichen Akteuren besitzen als auch unmittelbare Grenz‑ und Sicherheitsinteressen teilen. Westliche Akteure bleiben präsent (allen voran die USA), aber Europa wirkt eher als Finanzier, Beobachter und Unterstützer institutioneller Arrangements denn als Architekt eines Sicherheitsregimes.

Drittens sind die Konfliktakteure andere: Nicht mehr imperiale Verwaltungen verhandeln über Provinzen, sondern ein demokratischer Staat (Israel), eine nichtstaatliche bewaffnete Organisation (Hamas) und eine fragmentierte palästinensische Politiklandschaft, eingebettet in ein regionales Sicherheitsgefüge. Das zwingt zu formaten, die auf Waffenruhe‑Compliance, Grenzmanagement, Hilfskorridoren und Geisel‑/Gefangenenaustausch zielen – nicht auf großflächige Grenzneuziehungen.

Was daraus folgt

Der heutige Schritt ist kein „Versailles des Nahen Ostens“, sondern ein pragmatisches Arrangement, das Vertrauen in kleinen Dosen erzeugen soll: Ruhe an der Front, Entlastung der Zivilbevölkerung, administrative Übergänge. Ob daraus politische Architektur wird – etwa eine tragfähige Verwaltung in Gaza, überprüfbare Sicherheitsgarantien und ein erneuerter palästinensischer Vertretungsanspruch –, hängt davon ab, ob die neuen Vermittler glaubwürdige Anreize und Sanktionsmechanismen etablieren und ob lokale Akteure spürbare Verbesserungen erleben.

Schlussgedanke

Die Epoche von Sykes‑Picot ordnete den Nahen Osten von außen. Der heute beginnende Prozess kann nur tragen, wenn er von innen gehalten wird – durch überprüfbare Sicherheit, legitime Verwaltung und eine Perspektive auf Rechte und Selbstbestimmung. Ohne das bleibt der „Friede mit Fragezeichen“ nur eine Atempause.

Meine Quellen:
 

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Kommentare

  1. Nachdem bekannt wurde, dass die Hamas die Waffenruhe nutzte, um missliebige Konkurrenten oder Gegner los zu werden (umzubringen) habe ich meine Hoffnung auf ein Minimum reduziert.
    Es wird eine Frieden auf dem Papier geben aber untergründig geht der Kampf weiter.
    Leider..

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