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aus der Geschichte: zum Geburtstag von Karl Kautsky (1854-1938)


Karl Kautsky wurde am 16. Oktober 1854 in Prag geboren, das damals Teil des Habsburgerreichs war. Seine Eltern waren deutsche Juden, sein Vater Johann Kautsky ein Bühnenmaler, seine Mutter eine Schauspielerin. Über ihre religiöse Praxis ist wenig bekannt, doch Hinweise deuten darauf hin, dass die Familie eher kulturell als religiös jüdisch geprägt war – ein Umstand, der Kautskys säkular-humanistische Haltung und seine Orientierung an universalistischen Ideen beeinflusst haben dürfte. das damals Teil des Habsburgerreichs war. Seine Eltern waren deutsche Juden, sein Vater Johann Kautsky ein Bühnenmaler, seine Mutter eine Schauspielerin. Bereits in jungen Jahren zog die Familie nach Wien, wo Karl Kautsky aufwuchs und später an der Universität Wien Geschichte und Philosophie studierte. In dieser Zeit entwickelte er ein starkes Interesse an sozialistischen Ideen, beeinflusst von den Werken von Karl Marx und Friedrich Engels.

Im Jahr 1875 trat Kautsky der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) in Österreich bei, wandte sich jedoch bald dem deutschen Sozialismus zu. Ein entscheidender Wendepunkt in seinem Leben war seine Begegnung mit Friedrich Engels, der ihn ermutigte, sich intensiver mit dem Marxismus auseinanderzusetzen. 1883, im Jahr von Marx' Tod, gründete Kautsky in Zürich gemeinsam mit Eduard Bernstein und Karl Höchberg die Zeitschrift "Sozialdemokrat", die ein Sprachrohr des theoretischen Marxismus wurde.

Kautsky zog bald nach Deutschland, wo er sich der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (ab 1890 SPD) anschloss. Dort wurde er zu einem der wichtigsten Theoretiker des orthodoxen Marxismus. 1885 gründete er die einflussreiche Zeitschrift "Die Neue Zeit", die bis 1923 erschien und das zentrale Forum für marxistische Theorie und Diskussion in der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung war. Kautsky war über Jahrzehnte ihr Hauptredakteur und Autor.

Ein wesentlicher Beitrag Kautskys war seine Rolle als "Popularisierer" des Marxismus. Seine Schriften wurden vielfach in Parteischulungen eingesetzt und fanden weite Verbreitung in Arbeiterbildungsvereinen und Gewerkschaften, wo sie als theoretische Grundlage für politische Bildung dienten. Er bemühte sich, die komplexen theoretischen Überlegungen von Marx in eine verständlichere Sprache zu übersetzen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Seine Werke wie "Das Erfurter Programm" (1892) und "Der Ursprung des Christentums" (1908) verdeutlichen diesen Anspruch. Im "Erfurter Programm" entwickelte er das sozialdemokratische Programm der SPD, das die revolutionäre Theorie mit einem reformistischen Praxisansatz verband – eine Haltung, die später zum Streit mit radikaleren Marxisten führen sollte.

In den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg galt Kautsky als der "Papst des Marxismus". Seine Interpretationen galten weithin als autoritativ, insbesondere im internationalen sozialistischen Milieu der Zweiten Internationale. In dieser Funktion war er auch mit Lenin, Rosa Luxemburg und anderen prominenten Sozialisten in Austausch und zeitweise im engen Kontakt. Doch gerade dieser internationale Einfluss wurde mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf die Probe gestellt.

Die Kriegsteilnahme Deutschlands 1914 stellte Kautsky vor ein schweres Dilemma. Innerhalb der SPD kam es zu heftigen Kontroversen über die Zustimmung zu den Kriegskrediten, die schließlich zur Spaltung der Partei führten. Während der Parteivorstand die nationale Verteidigung betonte, lehnten viele Mitglieder – insbesondere aus dem linken Flügel – diese Position entschieden ab. Kautsky versuchte zunächst, eine vermittelnde Haltung einzunehmen, was ihn zunehmend zwischen die Fronten brachte. Zwar war er ein Gegner des Krieges, doch er kritisierte seine Partei nur vorsichtig, als sie den Kriegskrediten zustimmte. Dieser vorsichtige Kurs führte zu Kritik von radikaleren Strömungen innerhalb der SPD und der Arbeiterbewegung. Nach Kriegsende nahm Kautsky jedoch eine deutlichere Position ein. Er unterstützte die USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), die sich 1917 von der SPD abgespalten hatte, und verfasste zahlreiche Schriften gegen den Bolschewismus und Lenins Konzept der Diktatur des Proletariats.

Kautskys wohl umstrittenstes Werk jener Zeit war "Die Diktatur des Proletariats" (1918), in dem er den Bolschewismus entschieden ablehnte. Er argumentierte, dass eine Diktatur ohne demokratische Kontrolle zwangsläufig in Terror und Willkürherrschaft münde. Kautsky betonte, dass der Sozialismus auf demokratischer Grundlage errichtet werden müsse und dass die Abschaffung des Parlamentarismus, wie von den Bolschewiki betrieben, dem Marxismus widerspreche. Er plädierte für eine Weiterentwicklung demokratischer Institutionen anstelle ihrer Zerschlagung, was ihn in scharfen Gegensatz zu Lenin brachte. in dem er Lenins Konzept einer Rätediktatur scharf kritisierte und stattdessen für eine demokratisch-parlamentarische Entwicklung des Sozialismus eintrat. Dies brachte ihm den heftigen Widerspruch Lenins ein, der Kautsky in seiner Polemik "Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky" (1918) als Verräter an der marxistischen Idee bezeichnete. Die Trennung zwischen dem "orthodoxen" Marxismus Kautskys und dem "revolutionären" Leninismus markiert bis heute eine grundlegende Differenz in der marxistischen Theoriegeschichte.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs lebte Kautsky vorübergehend in Wien, später im Exil in den Niederlanden. Er kehrte 1924 nach Deutschland zurück, wo er sich jedoch weitgehend aus der aktiven Politik zurückzog. In den späten Jahren seines Lebens widmete er sich verstärkt historischen Studien, unter anderem zur Geschichte der Französischen Revolution und zur Entwicklung des Frühsozialismus. Sein Spätwerk blieb allerdings ohne vergleichbare Wirkung wie seine früheren Schriften.

Karl Kautsky starb am 17. Oktober 1938 in Amsterdam im Exil, wohin er vor dem aufkommenden Nationalsozialismus geflüchtet war. Obwohl er heute nicht mehr dieselbe Prominenz genießt wie Marx, Engels oder Lenin, war er doch eine zentrale Figur der sozialistischen Bewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Seine theoretische Arbeit prägte Generationen von Sozialisten in Europa und darüber hinaus. Seine Bemühungen, den Marxismus als wissenschaftliche und demokratische Bewegung zu verstehen, bleiben ein wichtiger Bestandteil der Geschichte des demokratischen Sozialismus.

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