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Rassismus unter Genoss*innen


Die Frage, warum rassistische Denkweisen auch unter Genossinnen und Genossen anzutreffen sind, wirft komplexe und unbequeme Herausforderungen auf. Gerade die Sozialdemokratie sowie andere progressive politische Bewegungen wie beispielsweise Bündnis 90/Die Grünen oder die Linke verstehen sich selbst als Kämpferinnen und Kämpfer gegen Diskriminierung und für soziale Gerechtigkeit. Dennoch existiert auch hier Rassismus. Wie lässt sich das erklären?

Zunächst muss klargestellt werden, dass rassistische Vorstellungen nicht nur in bestimmten politischen Lagern vorkommen, sondern in allen gesellschaftlichen Schichten und politischen Spektren anzutreffen sind. Die Vorstellung, Genossinnen und Genossen seien aufgrund ihrer progressiven politischen Haltung automatisch frei von diskriminierenden Denkmustern, ist eine idealistische Annahme, die oft an der Realität scheitert.

Einer der Gründe für das Auftreten rassistischer Haltungen innerhalb sozialdemokratischer und linker Kreise liegt in der Verwurzelung rassistischer Denkweisen in tief verankerten gesellschaftlichen Strukturen und kulturellen Normen. Rassismus ist historisch und kulturell bedingt und prägt das gesellschaftliche Denken seit Generationen. Dadurch sind rassistische Vorurteile oft implizit, subtil und nicht unmittelbar bewusst. Sie äußern sich in unreflektierten Verhaltensmustern, unbewussten Vorurteilen und Stereotypen, die selbst gutmeinenden Menschen nicht immer bewusst sind.

Ein weiterer Faktor ist das Problem einer rein ökonomischen Perspektive auf soziale Gerechtigkeit. Historisch betrachtet hat sich die Sozialdemokratie stark auf Fragen der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit konzentriert, beispielsweise durch Forderungen nach höheren Löhnen oder verbesserten Arbeitsbedingungen, teilweise zulasten eines umfassenderen Verständnisses von Diskriminierung und sozialer Ausgrenzung. Wenn soziale Gerechtigkeit primär ökonomisch gedacht wird, geraten Fragen der kulturellen, ethnischen und rassischen Diskriminierung leichter ins Hintertreffen.

Hinzu kommt, dass politische Parteien und Organisationen Spiegelbilder der Gesellschaft sind, in der sie existieren. Mitglieder bringen unweigerlich die Vorurteile und Denkmuster ihrer Herkunft, Erziehung und Umgebung mit in die Partei. So zeigte beispielsweise eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung von 2022, dass auch innerhalb progressiver Parteien unterschwellige fremdenfeindliche Einstellungen verbreitet sind. Solange die Gesellschaft als Ganzes nicht tiefgehend antirassistisch arbeitet, wird auch eine progressive Partei ihre Mitglieder nicht völlig vor rassistischen Mustern schützen können.

Ein oft übersehener Aspekt ist der Mangel an konsequenter Aufklärung und Sensibilisierung innerhalb der Organisationen selbst. Effektive Maßnahmen könnten etwa regelmäßige Workshops zur Sensibilisierung für Rassismus, verpflichtende Fortbildungen zur interkulturellen Kompetenz sowie klar definierte und transparente Beschwerdemechanismen sein. Das Fehlen einer kontinuierlichen, kritischen Reflexion und klarer interner Mechanismen zur Bekämpfung von Rassismus lässt rassistische Denkweisen oft unangefochten bestehen. Eine echte Auseinadersetzung bedeutet nicht nur gelegentliche Bekenntnisse zu Antirassismus, sondern die ständige und kritische Überprüfung eigener Positionen und Privilegien.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass rassistische Vorstellungen innerhalb progressiver Kreise weniger bewusster Entscheidung als vielmehr Ausdruck struktureller gesellschaftlicher Prägung und mangelnder kritischer Reflexion sind. Um dieses Problem wirksam anzugehen, bedarf es nicht nur Lippenbekenntnisse, sondern tiefergehender, struktureller Veränderungen sowie intensiver innerparteilicher Bildung und Aufklärung. Erfolgreiche Initiativen wie etwa das Programm „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ oder das Antirassismus-Training der Amadeu Antonio Stiftung zeigen, dass systematische Maßnahmen positive Veränderungen bewirken können.

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