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Demokratie braucht Klarheit – Kritik an Trumps Staatsbesuch ist kein Anti-Amerikanismus


Ich nehme mit tiefer Besorgnis zur Kenntnis, dass Bundeskanzler Friedrich Merz den derzeitigen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Donald J. Trump, zu einem offiziellen Besuch in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen hat. Auch wenn ein konkretes Datum für diesen Besuch noch nicht feststeht, entfaltet die bloße Einladung bereits eine gesellschaftlich-politische Relevanz, da sie Donald Trump symbolisch als akzeptierten Gesprächspartner auf höchster Ebene anerkennt und somit ein Signal der Normalisierung seiner politischen Agenda aussendet, ist bereits die Einladung an sich ein bedeutsamer außenpolitischer Schritt – einer, der über diplomatische Gepflogenheiten hinaus politische und gesellschaftliche Signale sendet.

Ich betone ausdrücklich: Meine Kritik richtet sich nicht gegen die Vereinigten Staaten als Land, nicht gegen die amerikanische Bevölkerung und nicht gegen die über Jahrzehnte gewachsene transatlantische Partnerschaft. Sie richtet sich gegen eine spezifische politische Figur und deren Wirken – gegen Donald J. Trump, dessen bisherige wie gegenwärtige politische Praxis aus meiner Sicht im Widerspruch zu zentralen demokratischen, menschenrechtlichen und völkerrechtlichen Prinzipien steht.

Die Einladung eines Staatsoberhauptes ist nie eine rein formale Geste. Sie ist Ausdruck von Anerkennung, Gesprächsbereitschaft und in gewissem Maße auch politischer Normalisierung. Mit Blick auf Donald Trump halte ich es jedoch für notwendig, hier klar Position zu beziehen: Ein Präsident, der den demokratischen Prozess in seinem eigenen Land untergräbt, darf nicht widerspruchslos als legitimer Gesprächspartner auf höchster diplomatischer Ebene willkommen geheißen werden.

Donald Trump steht wie kaum ein anderer Politiker der Gegenwart – vergleichbar etwa mit Jair Bolsonaro in Brasilien oder Viktor Orbán in Ungarn – für die systematische Aushöhlung demokratischer Institutionen. Während seiner ersten Amtszeit (2017–2021) hat er durch wiederholte Angriffe auf unabhängige Gerichte, die freie Presse und das Wahlsystem das Fundament der US-Demokratie erheblich beschädigt. Er hat die wissenschaftliche Arbeit delegitimiert, rassistische Gruppierungen verharmlost, internationale Klimaabkommen aufgekündigt, Menschenrechte relativiert und eine aggressive "America First"-Außenpolitik betrieben, die auf Konfrontation statt Zusammenarbeit setzte.

Besonders schwer wiegt seine Rolle im Zusammenhang mit dem Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021. Auch wenn juristische Bewertungen noch ausstehen, ist die politische Verantwortung Trumps für die Eskalation eindeutig. Nie zuvor in der neueren Geschichte der Vereinigten Staaten hat ein amtierender Präsident so offen zur Missachtung demokratischer Verfahren beigetragen.

Mit seiner Wiederwahl hat sich die politische Lage nicht grundlegend verändert – im Gegenteil: Bereits in den ersten Monaten seiner erneuten Amtszeit hat Trump etwa die Wiedereinführung harter Abschiebungspraktiken angeordnet, kritische Pressekonferenzen im Weißen Haus eingeschränkt und internationale Klima- und Migrationsinitiativen erneut blockiert – im Gegenteil: Erste Maßnahmen seiner erneuten Amtszeit deuten auf eine Verschärfung autoritärer Tendenzen hin. Trumps neuerliches Auftreten ist geprägt von Vergeltungsrhetorik, nationalistischer Polarisierung und Angriffen auf unabhängige Institutionen. Die Gefahr liegt nicht nur in Worten, sondern auch in konkreten Regierungsentscheidungen, die bereits jetzt Auswirkungen auf globale Menschenrechtsfragen, Migrationspolitik und internationale Zusammenarbeit haben.

Die Einladung durch den deutschen Bundeskanzler erfolgt in einem internationalen Klima, das zunehmend von Demokratiefeindlichkeit, Desinformation und gesellschaftlicher Polarisierung geprägt ist. In dieser Situation ist es nicht ausreichend, sich auf protokollarische Neutralität oder außenpolitische Pflichtübungen zu berufen. Ein Staatsbesuch ist stets auch ein symbolischer Akt. So wurde etwa der Besuch des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping in Schweden 2017 oder der Empfang von Wladimir Putin in Paris 2019 von großen Teilen der Zivilgesellschaft und Teilen der Parlamente scharf kritisiert – gerade weil er als Normalisierung autoritärer Politik gelesen wurde. Wer Donald Trump auf Augenhöhe begegnet, ohne dessen Politik kritisch einzuordnen, signalisiert internationale Akzeptanz für ein Politikmodell, das grundlegenden demokratischen Normen widerspricht.

Als Bundeskanzler einer parlamentarischen Demokratie hat Friedrich Merz die Verantwortung, die demokratischen Werte der Bundesrepublik Deutschland zu wahren und glaubwürdig zu vertreten. Eine Einladung an Trump ohne klare Distanzierung riskiert, diese Werte zu relativieren.

  1. Die Bundesregierung – und insbesondere Bundeskanzler Merz – muss öffentlich klarstellen, wie sie zu den autoritären und demokratiefeindlichen Tendenzen der Trump-Administration steht.

  2. Im Falle eines tatsächlichen Besuchs darf keine Bühne für politische Inszenierungen geboten werden, sondern klare Bedingungen und Gesprächsformate, in denen kritische Themen wie Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit und Klimaschutz zur Sprache kommen.

  3. Alle demokratischen Parteien, zivilgesellschaftlichen Akteure, Kirchen und Medien, sollten sich bereits jetzt mit der politischen Bedeutung dieser Einladung auseinandersetzen und einen offenen, kritischen Diskurs ermöglichen.

Es ist nicht anti-amerikanisch, Donald Trump zu kritisieren. Im Gegenteil: Die Demokratiebewegung in den USA, die gegen Rassismus, für Wählerrechte, für Klimagerechtigkeit und für die Unabhängigkeit von Justiz und Medien kämpft, verdient unsere volle Solidarität. Wir wollen den transatlantischen Dialog stärken – aber nicht um den Preis der Gleichgültigkeit gegenüber autoritären Strömungen.

Demokratie braucht Klarheit. Und Klarheit beginnt damit, die Einladung an Donald J. Trump nicht als Routineakt abzutun, sondern als das zu behandeln, was sie ist: eine politische Entscheidung, die Widerspruch verdient.

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