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aus der Geschichte: Vor 100 Jahren - Das Ende der Ruhrbesetzung im Jahre 1925 – Wendepunkt für die Weimarer Republik


Die Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen von 1923 bis 1925 stellt eine der dramatischsten Episoden der Nachkriegszeit dar und markierte zugleich einen Höhepunkt der Spannungen zwischen dem Deutschen Reich und den westlichen Alliierten. Mit dem Abzug der letzten Besatzungssoldaten im Juli 1925 endete nicht nur eine Phase militärischer Kontrolle, in der französische und belgische Truppen Industrieanlagen besetzten, Verwaltungsakten beschlagnahmten und den Güterverkehr überwachten über eines der wichtigsten industriellen Zentren Europas, sondern auch ein Kapitel permanenter politischer Krisen für die Weimarer Republik. Das Ende der Ruhrbesetzung wurde von vielen Zeitgenossen als ein Schritt zur Wiederherstellung nationaler Souveränität verstanden – und als außenpolitischer Erfolg der demokratischen Kräfte in Deutschland.

Die Ruhrbesetzung war eine unmittelbare Folge des Versailler Vertrags von 1919, der dem Deutschen Reich die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zuschrieb und umfassende Reparationszahlungen festlegte. Nachdem Deutschland mit der Lieferung von Reparationsgütern in Verzug geraten war, marschierten am 11. Januar 1923 französische und belgische Truppen ins Ruhrgebiet ein. Die Besatzungsmächte wollten auf diese Weise durch direkte Kontrolle über Industrieanlagen und Kohlegruben eine Begleichung der offenen Forderungen erzwingen.

Die deutsche Regierung reagierte mit dem sogenannten passiven Widerstand: Die Arbeiter im Ruhrgebiet legten ihre Arbeit nieder, staatliche Stellen verweigerten jede Kooperation mit den Besatzern. Dieser Widerstand wurde zwar als patriotisch empfunden, führte jedoch zu einer dramatischen wirtschaftlichen Krise, die sich besonders in der Hyperinflation von 1923 zeigte, als der Wert der Reichsmark ins Bodenlose fiel und alltägliche Güter wie Brot Millionen kosteten, unter anderem zur Hyperinflation von 1923. Zudem geriet die junge Demokratie in Berlin politisch unter Druck, da radikale Kräfte – von links wie von rechts – das Chaos zur Destabilisierung der Republik nutzen wollten.

Der Weg zur Lösung: Dawes-Plan und Verhandlungen

Ein Wendepunkt trat mit der Bildung der Großen Koalition unter Gustav Stresemann im Spätsommer 1923 ein. Die Regierung beendete den passiven Widerstand und nahm Verhandlungen mit den Alliierten auf. Das Ziel war eine neue Grundlage für die Reparationszahlungen und ein Ende der militärischen Besetzung. Der sogenannte Dawes-Plan von 1924, benannt nach dem amerikanischen Finanzexperten Charles G. Dawes, wurde von vielen Wirtschaftsexperten und gemäßigten Politikern als pragmatische Lösung begrüßt, stieß jedoch in Teilen der Bevölkerung auf Skepsis, da er als weiteres Zugeständnis an die Alliierten empfunden wurde, legte einen realistischeren Tilgungsplan fest und sah internationale Anleihen zur Stabilisierung der deutschen Wirtschaft vor.

Der Plan wurde von allen Besatzungsmächten akzeptiert und war die Grundlage für den schrittweisen Rückzug der Truppen aus dem Ruhrgebiet. Bereits im Laufe des Jahres 1924 begannen französische und belgische Einheiten mit dem Abzug. Der vollständige Rückzug wurde jedoch in Etappen organisiert und erst im Juli 1925 abgeschlossen, als auch die letzten Truppen aus Duisburg, Düsseldorf und Ruhrort das Gebiet verließen.

Der Abzug der Truppen war ein außenpolitischer Erfolg für die Weimarer Republik und insbesondere für die demokratischen Parteien, die diesen Prozess vorangetrieben hatten. Die SPD-geführte Regierung Preußens unter Otto Braun spielte hierbei eine zentrale Rolle: Durch diplomatische Initiative und politische Stabilität in Preußen konnte ein Beitrag zur Beruhigung der Lage im Westen Deutschlands geleistet werden.

Auch wirtschaftlich ermöglichte das Ende der Besetzung einen Aufschwung: Die Industrie des Ruhrgebiets konnte wieder ungehindert produzieren und investieren. Die internationale Reputation Deutschlands wurde gestärkt, insbesondere da die USA und Großbritannien zunehmend moderatere Töne anschlugen und sich von der harten französischen Haltung distanzierten.

Gleichzeitig war der Rückzug der Besatzungstruppen ein symbolischer Akt für das nationale Selbstverständnis: Die Weimarer Republik konnte zeigen, dass auch eine demokratische Regierung in der Lage war, die Interessen Deutschlands auf diplomatischem Weg zu vertreten – ohne die nationalistische Rhetorik der Rechten oder die revolutionären Parolen der Linken.

Das Ende der Ruhrbesetzung im Juli 1925 war weit mehr als ein militärischer Rückzug; es war zugleich ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur außenpolitischen Normalisierung Deutschlands, der in den Locarno-Verträgen von 1925 seine Fortsetzung fand. Es war das Ergebnis intensiver außenpolitischer Verhandlungen, wirtschaftlicher Umsteuerung und politischer Konsolidierung. Es zeigte, dass die Weimarer Republik – trotz aller inneren Spannungen – in der Lage war, friedliche Lösungen für schwerwiegende internationale Konflikte zu finden. In der Rückschau markiert dieser Moment einen der wenigen außenpolitischen Erfolge der ersten deutschen Demokratie, die jedoch durch die Ereignisse der folgenden Jahre erneut auf eine harte Probe gestellt werden sollte.

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